Stichwörter: Bildung, Schulabschluss.

Baustelle Bildung

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

76.249 Jugendliche oder 7,9 Prozent des Altersjahrganges haben im vergangenen Jahr ihre Schule ohne Hauptschulabschluss verlassen. 1996 hatte diese Quote 8,7 Prozent betragen. Ist diese Meldung als Erfolg zu bewerten oder zeigt sich hier wieder einmal, dass unsere Bildungslandschaft voller Baustellen ist, deren Ende nicht absehbar ist? 7,9 Prozent entspricht in etwa der Arbeitslosenquote und lässt vermutlich erwarten, dass unter diesen 7,9 Prozent Jungen und Migranten überrepräsentiert und Kinder aus „bildungsnahen“ Elternhäusern eher unterrepräsentiert sind. Hier werden weiterhin zukünftige Probleme produziert, wenn es nicht gelingt, diese Zahl zu reduzieren. Glücklicherweise werden viele dieser „Schulversager“ weiter beschult und gelangen dann über die berufsbildenden Schulen letztendlich doch zu einem Schulabschluss. Ob sie allerdings dann – nicht zuletzt angesichts einer solch verkorksten Biographie – an eine Lehrstelle kommen, sei einmal dahingestellt.

Hier wird weiter am Ausbau der unteren Gesellschaftsschicht gefeilt und Lebenswege geschaffen, die in sogenannte „Hartz IV–Karrieren“ münden.

Sicher, es gibt immer wieder Schüler, die auf Umwegen dann doch ans Ziel gelangen und trotz einer verkorksten ersten Schulkarriere in einem „ordentlichen“ Beruf landen und „die Kurve“ noch kriegen. Ein Blick in die Hauptschulklassen an meiner Schule, an den Schulen befreundeter Kolleginnen und Kollegen sowie ein entfernter Blick in Richtung USA – typisch bewachter Schulen in Berlin lässt mich eher sorgenvoll in die Zukunft blicken und erwarten, dass die Zahl der Abgänger ohne Hauptschulabschluss nicht signifikant zurück gehen wird, denn die Kultusminister, die einen Rückgang versprochen haben, werden sich schwer auf allgemeingültige Formeln einigen können, wie hier gegen zu steuern wäre. Eine Annäherung der 16 verschiedenen Schulstrukturen ist nicht wirklich erkennbar und wird auch weiterhin an ideologischen und besitzstandswahrenden Barrieren scheitern. Und das geht auf Kosten der schwächsten Glieder der Schulgesellschaft, die Hauptschüler nun einmal sind. Die „normalen“ und „besseren“ Schüler kamen und kommen trotz der Vielgliedrigkeit der Schulsysteme sicher ans Ziel und werden auch danach ihren Weg gehen, egal, unabhängig von „PISA – Schocks“ und unabhängig davon, wie die nächsten Testserien ausfallen werden.

Sie merken sicher, dass ich mich sogar in den wohlverdienten Ferien über Schulpolitik und ihre Auswüchse ärgere, hatte aber dennoch ein besinnliches Weihnachtsfest. In der Hoffnung, dass auch Sie das von sich behaupten können und auch noch nicht resigniert haben, denn unterrichten macht ja schließlich Spaß, wünsche ich Ihnen für das kommende Jahr eine positive Einstellung zu Ihrer Arbeit und Ihren Schülerinnen und Schülern, ein kollegiales Miteinander und ein wachsames Auge auf die Entwicklungen, die da kommen.

Auch im nächsten Jahr bin ich brennend an Ihrer persönlichen Meinung und Ihren geschätzten Erfahrungen interessiert. Deshalb:

Schreiben Sie mir gerne an lehrerforum@vnr.de!

Ich würde mich freuen.

Ihr


Gernot Herz

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