Bildungspolitik als Etikettenschwindel

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

sie sammeln sich in Sonderschulen oder in prekären Hauptschulen. Sie heißen Schulversager, Schulschwänzer, Schulmüde, Schulvermeider, Schulabbrecher. Es ist erstaunlich, wie oft sich das Wort Schule im Deutschen mit Scheitern kombinieren lässt. Scheitern gehört zur deutschen Schule wie die Wolke zum Regen. 40 Prozent der Schüler erleben gravierende Misserfolge in der Schule: keine schlechte Note, sondern Dinge wie Zurückstellen, Sitzenbleiben und Abstufen. Nicht umsonst gibt es hierzulande das Wort der Abstiegsmobilität. Es bedeutet, dass Schulwechsel in aller Regel nach unten führen, nicht nach oben, schreibt Christian Füller, Redakteur der "taz" und Autor des neuen Buches "Schlaue Kinder, schlechte Schulen: Wie unfähige Politiker unser Bildungssystem ruinieren - und warum es trotzdem gute Schulen gibt" (Verlag Droemer-Knaur) auf Spiegel online. Und, er hat damit Recht. Erkannt wurde seit PISA nur, 

  • dass man Hauptschulen abschaffen und die Hauptschüler in integrierten System „verstecken“ kann und Bildungsverlierer trotzdem Bildungsverlierer bleiben, 
  • dass man Gymnasiasten schneller zum Abi peitschen sollte,
  • dass man Lehramtsstudenten mit Bachelor- bzw. Masterstudiengängen quälen kann,
  • dass man mit einer Billiglohnsparte die Unterrichtsversorgung schönt,
  • dass man mit statistischer Erfassung Unterrichtsqualität erheben kann und kaschiert damit,

dass man insgesamt aber zum Nulltarif lediglich neue Etiketten auf alte Produkte klebt.

Sicher, die mediale Ausstattung der Schulen hat sich im Schnitt verbessert, aber ob die Lehrkräfte, soweit vorhanden, überhaupt damit arbeiten können, wollen, dürfen, ist zweitrangig. Millionenschweres Tuning im technischen Bereich täuscht nicht über all die Versäumnisse hinweg, die mangelnde langfristige Planung und Parteipolitik im Bildungsbereich zu verantworten haben. Ein 2CV mit dicken Reifen, Spoiler und getönten Scheiben fährt schließlich auch nicht schneller.

Ihr

Gernot Herz

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