Dauerthema und Dauerstreit: die Grundschulempfehlung

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

die Süddeutsche Zeitung widmete sich kürzlich der Frage, ob eine Grundschulempfehlung für den Besuch einer weiterführenden Schule überhaupt Sinn macht. Demnach brächen Viertklässler in Tränen aus, weil sie im Diktat nur eine Drei geschrieben hatten. Eltern drohten den Lehrern mit Rechtsanwälten, und Zehnjährige hätten Bauchweh aus Angst zu versagen. Der Druck sei groß an den Grundschulen, jedenfalls in Bayern. Das kann eigentlich keiner wollen. Allerdings gibt es auch Meinungen, die beharren darauf, dass Druck auch erforderlich sei, fürs spätere Leben stähle und das Niveau an den Gymnasien nur dadurch zu halten sei, dass der Notenschnitt und die daraus resultierende Empfehlung die einzige Eintrittskarte darstelle.

Außer Bayern hält deshalb auch Sachsen eine Barriere für notwendig. In Sachsen wurden die Regeln vor kurzem sogar verschärft. Statt eines Notendurchschnitts von 2,5 in den Hauptfächern müssen die Grundschüler jetzt mindestens eine 2,0 erreichen oder eine Prüfung bestehen, um aufs Gymnasium wechseln zu dürfen.

Natürlich gibt es je nach Lobby und Studie unterschiedliche Ergebnisse, einerseits, dass die soziale Herkunft per se den Kindern schon schlechtere Möglichkeiten biete und eine Empfehlung nur einen weiteres Hemmnis für die höhere Bildung darstelle bzw. andererseits, dass die Aufhebung der Empfehlung die sozial schwächeren Schichten eher benachteilige, da Akademiker ihre Kinder grundsätzlich aufs Gymnasium schickten.

Der Wettbewerb soll es dann wieder richten. Die nächste PISA-Studie wird dann wahrscheinlich die Südländer in ihrer Selektion bestätigen. Aber wie Churchill schon sagte…

 

Ihr

 

 

Gernot Herz

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Conny, 17.05.2011 08:31:
Hallo, Herr Herz, ich bin ein eifriger Leser Ihrer Beiträge. Zur Bildungsempfehlung in Sachsen: Der erforderliche Notendurchschnitt von 2,0 für den Übertritt ins Gymnasium war vor einiger Zeit schon in Sachsen vorhanden. Dann wurde es gelockert auf 2,5 - und die Mittelschullehrer musste die Schüler auffangen, die es dann am Gymnasium doch nicht schafften. Eine Empfehlung halte ich für notwendig. Und wenn sich Eltern darüber hinwegsetzen, dann handeln sie nicht wirklich im Sinne ihrer Kinder. Auch später kann man in Sachsen noch ans Gymnasium oder Berufsschulen mit Abitur, es ist also noch alles offen. Ich bin froh, dass der Durchschnitt wieder auf 2,0 gesenkt wurde. Conny
Lutz, 17.05.2011 15:42:
Sehr geehrter Herr Herz, damals, "vor der Währung", in Hessen,durften uns die Eltern zur Aufnahmeprüfung in ein klassisches oder Real- Gymnasium anmelden. Klar: damals waren die Dorfschulen kaum mit einander "vergleichbar"; wir, damals eine Hand voll Einheimische, Ausgebombte, Flüchtlinge oder Vertriebene, hatten einen reaktivierten alten Herrn, der sonntags die Orgel schlug; für die Kleinen hatte er unlängst einen Lehrer-Lehrling bekommen. Dieser ließ uns um, ich weiß nicht mehr wessen, Küchentisch sitzen und diktierte, oder ließ uns rechnen, deutlicher sprechen, gerade sitzen und: uns trauen, etwas zu sagen oder hinzuschreiben. Damit konnte ich meine Aufnahmeprüfung ins Realgymnasium bestehen, die Anderen die ihre in die Realschule oder in das klassische Gymnasium. Im Nachhinein betrachtet war die Vorbereitung im Dorf auf eine Prüfung in der Stadt für uns Kinder so schön eindeutig: wir wollten in etwas Fremdes, Unbekanntes, von den Erwachsenen als gut-und-schwierig Bezeichnetes -- Neugierde&Hinausgucken. (Klar, dass wir uns nicht die Nachkriegszeit verklären wollen.) Aber die damals empfundene "Frontstellung": mit Vorbereitungen im Dorf, die Stadt in einem ersten Schritt bestehen zu wollen, die war uns vermutlich hilfreich, rief im Dorf beim Diktat, Aufsatz, Rechenübungen kein Bauchweh hervor, und die Neugierde zog uns. Wir hatten keine Vorstellung davon gemacht bekommen, was uns erwartete oder wie das Wehe-wenn-Nicht aussehen könnte. Zusammen: Neugierde auf´s Unbekannte, "Frontstellung",Ermutigung und keine Drohung könnte man auch heute als "richtige" Konditionierung für die Viertklässler anbieten. So könnte auch den Eltern und den Grundschullehrern die törichte Angst&Drohkulisse erspart werden.