Ein Eingeständnis an die Realität! Pilotprojekt in NRW

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

es hört sich an wie ein vorzeitiges Weihnachtsgeschenk an die Schülerinnen und Schüler der Gustav-Adolf-Hauptschule in Goch (NRW): Es gibt dort keine Hausaufgaben mehr. Ist das ein Eingeständnis an die Realitäten, weil jede(r), die/der im Hauptschulbereich tätig ist, weiß, dass sie meistens nicht oder nur von der Hälfte der Klasse erledigt werden.

Stattdessen wird das gemacht, was an anderen Schulen, vor allem Ganztagsschulen, auch schon Realität ist: die Einführung der 60 – Minuten – Unterrichtsstunde. Sicher werden manche sagen, dass gerade in einer Ganztagsschule  eine Hausaufgabenbetreuung möglich sei, aber wer schon mal in eine solche Betreuung eingeteilt war, weiß um die Unwägbarkeiten.

Außerdem, eine Studie der Universität Dresden fand heraus, dass Hausaufgaben nicht viel bringen, wahrscheinlich haben Hausaufgaben sogar überhaupt keinen Lerneffekt. Hans Gängler von der Fakultät Erziehungswissenschaften der TU Dresden meint, dass Schüler, die gut in der Schule sind, durch Hausaufgaben nicht besser werden und umgekehrt Schüler, die in der Schule nicht so gut sind, könnten ihre Leistungen durch Hausaufgaben nicht steigern. Die Hausaufgaben hätten keinen Einfluss auf die Noten. Die Forscher beriefen sich auf die Daten von Ganztagsschulen in Sachsen. 70 % der Schüler lassen sich dort mehr als einmal in der Woche bei den Hausaufgaben helfen. Befragt wurden 500 Lehrer und 1.300 Schüler.

Besonders fragwürdig sind dabei Hausaufgaben, die über das Wochenende aufgegeben werden, zumal von Freitag auf Montag. Wie viele Arbeitnehmer müssen am Wochenende Berufliches erledigen? Soll man das dann Grundschulkindern oder anderen halbwüchsigen zumuten?

Ihr

 

Gernot Herz

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volkmar, 26.12.2008 12:53:
Guten Tag, aus eigener Erfahrung (als Schüler sowie als Pädagoge) weiß ich, das Hausaufgaben sehr wohl etwas bewirken - fachlich als auch sozial, denn so wird eine Familie daran erinnert, dass man noch anderes gemeinsam machen kann außer vor der Glotze zu hängen oder eben einfach keine Zeit zu haben. Eine Anpassung an die so genannte Realität kommt einer Kapitulation gleich, Herr Kollege. Zum nächsten Thema: Hausaufgaben über das Wochenende gibt es doch so gut wie gar nicht mehr, warum also darüber reden? Und zum nächsten Punkt: Was meinen Sie eigentlich mit den "Unwägbarkeiten" bei der Hausaufgabenbetreuung? Meiner Ansicht nach sind deutsche Lehrer/innen ausgesprochen wenig innovativ und unflexibel - methodisch als auch grundsätzlich. Dies wird durch ein Beamtensystem geradezu heraufbeschworen.Ich weiß, dass dies keiner mehr hören kann oder will, dies ändert allerdings nichts an der Sache. Versuchen Sie mal in einer Schule im Sinne der Schüler eine Veränderung, die nur ein Fitzelchen mehr Arbeit für die Lehrer bedeutet, durchzusetzen! Sie werden Ihre Blaues Wunder erleben. Warum können Kollegen aus Schweden oder USA mit diesen ominösen "Unwegbarkeiten" so viel besser umgehen?Ganz einfach: sie sind bereit dazu und widmen sich den Dingen mit deutlich mehr Engagement. Tun sie dies nicht, werden sie wie jeder andere Arbeitnehmer, der seine Aufgaben nicht erfüllt, gekündigt. Gut so für alle.Diese Kritik müssen sich die deutschen Lehrer/innen einfach immer noch gefallen lassen. Übrigens eine im Vergleich derartig fürstliche Entlohnung macht keinesfalls kreativ, sondern bequem. Unwegbarkeiten.... Was meinen Sie, was andere Berufsgruppen zu bewältigen haben!Ich bin selbst Pädagoge mit Erfahrungen in und außerhalb der Schule. Eine Lehrerlaufbahn an einer Staatsschule habe ich bewusst ausgeschlagen. Zu wenig Luft zum Atmen und regelrechte Angst vor Kreativität. Ein solches System zieht keine mutigen Menschen an, sondern Pfeifen und Jasager, die sich versorgen wollen.Die Schüler zahlen die Zeche - auch für Ihre Annäherungen an eine Realität, der man sich nicht anbiedern, sondern welche man mit allen Mittel verändern muss!
Edgar, 26.12.2008 22:56:
Dass Hausaufgaben nichts bringen sollen, widerspricht jeglicher Erfahrung. Nur derjenige, der den im Unterricht erarbeiteten Stoff erneut durchdenkt und ihn einübt, hat ihn auch parat. Andernfalls verschwindet er im Kurzzeitgedächtnis, das nach 5 oder 6 Unterrichtsstunden gar nicht mehr in der Lage ist, alles zu behalten. Wie Gedächtnisleistung funktioniert ist ein sehr genau erforschtes Gebiet, mit dem jeder Schüler und Lehrer sich auseinandersetzen muss, wenn er erfolgreich lernen will.
Claudia, 27.12.2008 16:40:
Hallo, ich halte es nicht für richtig, die Hausaufgaben abzuschaffen. Denn ohne die erneute Beschäftigung mit dem Schulstoff bleibt gerade bei den Hauptschülern gar nichts mehr hängen. Aus der Hirnforschung weiß man, dass regelmäßige Wiederholung und Übung in großer Häufigkeit(am Anfang des Verfestigungsprozesses) in bis zu immer längeren Abständen zwischen den Wiederholungen der Stoff "haften" bleibt. Warum keine Hausaufgaben übers Wochenende? Hat schon mal jemand darüber nachgedacht, wie viel in der Welt gar nicht funktionieren würde, wenn da nicht am Wochenende gearbeitet würde (in Handel, Gaststättengewerbe, Krankenhäusern, Stromversorger....)? Es ist natürlich fatal, wenn die Schüler nichts tun. Aber ohne Fleiß kein Preis, oder?! Bei meinen eigenen Kindern sehe ich immer wieder, wie wertvoll Hausaufgaben sind. Sie verringern die Zeit, die notwendig ist,vor Klassenarbeiten nochmal Stoff zu wiederholen. Man bleibt einfach besser drin!Außerdem ist die besonders an Gymnasien zu vermittelnde Stofffülle so groß, dass Hausaufgaben unerlässlich sind. Hauptschulen sind natürlich immer ein besonderer Fall. Denn hier zeigen sich Versäumnisse der letzten 20 Jahre sehr deutlich. Statt zu fordern, und dadurch zu fördern, wurde das Anspruchsniveau immer weiter abgesenkt, der praktische Anteil am Lernen um einer krampfhaften Verwissenschaftlichung willen drastisch heruntergeschraubt und natürlich Personal abgebaut bzw. nicht eingestellt (Schulsozialarbeiter, Schulpsychologen, mehr Lehrer). Da nützen auch Lernstandserhebungen und zentrale Prüfungen nichts, um etwas am Niveau zu verändern. Denn vom Wiegen allein wird keine Sau fett!!! Statt die Lehrer in ihrem Bemühen um konsequentes Fordern und Fördern zu unterstützen, werden sie verunglimpft. Allein der Verbeamtung Schuld an mangelnder Innovation oder Flexibilität zu geben, sollte man einmal überdenken, ob es nicht auch an den Elternhäusern liegt, dass vieles im Argen liegt? Oder an unseren - vermeintlich - allwissenden Politikern und ihren Experten, die teilweise 30 u. mehr Jahre keine Schule mehr wirklich von innen gesehen haben u. die Realitäten des Schulalltags wahrlich verpasst haben? Besonders die extreme Stofffülle verhindert häufig Veränderungen, die allen Beteiligten gut tun würden. Das US-amerikanische Schulsystem ist wahrhaftig nicht geeignet als toll hingestellt zu werden. Da haben wir hier in D mehr zu bieten! Angst vor Kreativität auch im Umgang mit Hausaufgaben liegen mir fern. Aber ich kann auch viele Kollegen gut verstehen, denn Schuldienst ist bes. an Hauptschulen eher ein Sammelsurium an Aufgaben, die vom Elternersatz bis hin zum Psychologischen Berater reichen (und nur ganz nebenbei auch Wissensvermittlung umfassen) und jede Menge Kraft und Zeit erfordern. Zeit, die oft im Unterricht fehlt, sodass die Übung nach Hause verlegt werden muss. Auch im staatlichen Schulleben kann man einiges bewegen. Man muss es nur tun. Vorschriften werden leider nicht weniger, weil die da oben allen Ernstes glauben damit was bewegen zu können, statt auf die Fähigkeiten von Kollegen zu vertrauen.
gernot, 27.12.2008 20:50:
Ich halte den statistischen Wert dieser Studie für sehr fragwürdig, da die Untersuchungen nur an Ganztagsschulen in einem Bundesland (Sachsen) erfolgten. In einer normalen Halbtagsschule mit 45-Minuten-Stunden sind Hausaufgaben in den meisten Fächern immer noch unumgänglich – sofern sie mit Bedacht ausgewählt sind, um den Unterrichtsstoff zu festigen. Die Hausaufgaben, die wirklich (wie der Name ja ausdrücken soll) zu Hause und v.a. auch alleine erledigt werden sollen, sind die einzige Möglichkeit, wo der Schüler – wie in einer Klassenarbeit – z.B. vor einer Mathematikaufgabe alleine sitzt, ohne dass (wie meist im Unterricht) ein Nebenmann oder auch der Lehrer den entscheidenden Lösungsweg vorgibt. Was ich meine: Hausaufgaben sind – wenn sie wirklich alleine durchgeführt werden – immer ein kleiner Probetest für die Klassenarbeit und deshalb an Halbtagsschulen unverzichtbar. Ich denke, in Ganztagsschulen werden die Schüler (wegen Hausaufgabenbetreuung oder Gruppenarbeit) nur in den wenigsten Fällen ohne Hilfe ihre Aufgaben erledigen, deshalb müsste man dort andere Strukturen schaffen, z.B. verlängerte Unterrichtsstunden, in denen ein guter Teil der Stunde nur dem vertiefenden Üben in Einzelarbeit vorbehalten sein sollte, zumindest in den Kernfächern. Die Schüler haben dann zwar mehr Unterricht, aber die Hausaufgaben würden dafür weitgehendst entfallen. Übrigens: Dass Hausaufgaben keinen Lerneffekt haben sollen, kann nur dann der Fall sein, wenn sie vom Fachlehrer ohne Überlegung gestellt werden, oder wenn sie zu umfangreich sind – weil sie die Schüler dann schon gar nicht machen. Wir haben unserer Schule sehr gute bis (in Mathematik) herausragende Prüfungsergebnisse. Ohne Hausaufgaben würden wir diese Resultate nie und nimmer erzielen – das steht fest.
Manuela, 31.12.2008 01:02:
Hausaufgaben - ja oder nein? Das ist hier die Frage... Für gute Schüler kein Problem, aber was ist, wenn es Schwierigkeiten bei den Hausaufgaben gibt? Wer kann da helfen? - Klar, die Eltern. Als Mutter von vier schulpflichtigen Kindern im Alter von 16-8 Jahren an verschiedenen Schularten und selbst Lehrerin an einem Gymnasium kann ich nur sagen, dass die Eltern einen sehr wertvollen Dienst leisten, wenn es um das Thema Hausaufgaben geht. Ich bin sehr wohl dafür, dass die Kinder am Nachmittag auch was für die Schule arbeiten - aber nicht in der Form, wie es an den Regelschulen vollzogen wird: Für den nächsten Tag muss ein bestimmtes Pesum als Hausaufgaben erarbeitet werden. An machen Tagen einfach viel zu viel, so dass überhaupt keine Zeit mehr übrig bleibt, an die frische Luft zu gehen - geschweige denn, sportlichen Aktivitäten nachzugehen. Glücklicherweise haben wir für unsere zwei Jüngsten einen Platz an einer Montessorischule bekommen. Sie arbeiten auch an den Nachmittagen - aber nach einem Wochenarbeitsplan! Jeder nach seinem individuellen Lernfortschritt!Traumhaft!!! Und wer ein Kind im G8 hat, der weiß, was es heißt,neben dem Nachmittagsunterricht auch noch stundenlang Hausaufgaben zu machen... Was machen nur die Kinder, die keine Eltern zu Hause haben, die für Fragen bei den Hausaufgaben zur Verfügung stehen??? Wäre doch mal interessant, wenn sich alle Eltern für zwei Wochen weigern würden, bei den Hausaufgaben zu unterstützen... Die Grundschullehrer/innen würden sehr schnell merken, dass es nicht allein ihr Verdienst ist, was die Kinder leisten, sondern dass ein Großteil des Erfolges dem Engagement vieler Eltern zuzuschreiben ist. Ich stelle mir die Frage, ob diese Tatsache auch in der PISA-Studie aufgenommen wurde... Unser Bildungssystem steht vor einer großen Veränderung - das ist sicher vielen Politikern mittlerweile bewusst geworden. Ich bin sicher, dass alles zum Besten unserer Kinder entwickelt wird. Es ist nur eine Frage der Zeit!