Eine Zumutung für die Gymnasien?

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

wie ein Schock für die Gymnasien in Rheinland-Pfalz muss die Meldung wirken, die in den Zeitungen des Landes vergangene Woche die Runde machte: Demnach sollen Gymnasien künftig geistig behinderte Schüler aufnehmen, was aber zunächst an 16 Rheinland-Pfälzischen Gymnasien in einem Modellprojekt ausprobiert werden soll. Ausgangspunkt ist dabei die viel zitierte UN-Konvention, die Deutschland unterzeichnet hat und die das Recht behinderter Menschen betont, an allen Einrichtungen der Gesellschaft uneingeschränkt teilzuhaben. Das gilt, zumindest theoretisch, auch für höhere Schulen.

Der Philologenverband als Interessenvertretung der Gymnasiallehrer ließ bereits im Oktober verlauten: Aus der Sicht des Philologenverbandes spricht alles dafür, Kinder mit Behinderungen in deren eigenem Interesse dort zu fördern, wo dies mit den besten Erfolgsaussichten geschehen kann… Dafür kann im Einzelfall, das heißt je nach Art und Grad der Behinderung, die allgemein bildende Schule oder aber die Förderschule die beste Lösung sein. Möglichst viele Kinder mit körperlichen Handicaps, die geistig dazu in der Lage sind, dem Unterricht zu folgen, sind selbstverständlich in die allgemein bildende Schule, auch in die Gymnasien aufzunehmen, und dies darf nicht an unzulänglichen Rahmenbedingungen, zum Beispiel nicht vorhandenen Aufzügen oder behindertengerechten Sanitäreinrichtungen scheitern.

Indessen: Wer nur einen Tag in einer Schule für Körperbehinderte, Geistigbehinderte oder einer Tagesförderstätte für Schwerstbehinderte zugebracht hat, weiß, dass es auch Fälle von Mehrfachschwerbehinderung, Schwerstbehinderung, geistiger Behinderung mit individuellem Förder‑ und Pflegebedarf gibt, dem in der Regel nur eine Förderschule mit fachlich qualifizierten Lehrkräften und zusätzlichem Fachpersonal sowie Spezialeinrichtungen entsprechen kann.

Wenn man das richtig versteht, gibt es demnach zwei Klassen von Behinderten: Diejenigen, die man ungeachtet der Kosten integrieren will und diejenigen, die man wegen der Kosten nicht integrieren will. Dass es bereits Realschulen und Integrierte Gesamtschulen – auch hier hat der Philologenverband Kundschaft - gibt, die beides leisten, spielt dabei wohl keine Rolle.

Allerdings muss man auch auf die Probleme hinweisen, mit denen die Gymnasien zu kämpfen haben: Klassen mit meist 30 oder mehr Schülern und viele Lehrer, die von Differenzierung und/oder offenen Unterrichtsformen nichts halten.

Ihr

Gernot Herz

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Markus, 07.12.2010 08:34:
Sehr geehrter Herr Herz In Sachen Fussball beispielsweise, darf ich mit Fug und Recht als schwerstbehindert betrachtet werden. Folgerichtig würde es niemandem einfallen, mich in die erste Mannschaft des FC Bayern München einzuteilen. Die Stars dort würden nicht profitieren und ich erst recht nicht. Für Schulen gilt Ähnliches: Je nach Art und Mass einer geistigen Behinderung wird es für alle Beteiligten unmöglich in Bezug auf den Zuwachs an Wissen und Können das Bestmögliche Ergebnis zu erzielen. Behinderte müssen nach meiner Erfahrung unter den für sie bestmöglichen Bedingunge geschult werden. Bei geistigen Behinderungen dürfte das Gymnasium kaum die Schule der Wahl sein. Obderstes Ziel in der Behindertenförderung muss doch wohl sein, diese Mitmenschen so auf das Leben vorzubereiten, dass sie wenn immer möglich als Erwachsene ein selbstbestimmtes, von fremder Hilfe unabhängiges Leben führen können. Solche Schulung ist allerdings häufig teurer als ein Gymnasium. Diesen Aufwand sind wir aber den behinderten Mitmenschen schuldig. Die Unterbringung im Gymnasium erscheint mir - ausser in besonders gelagerten Fällen - eher eine gesellschaftspolitische Alibiübung zu sein. Freundliche Grüsse Markus Müller
Esther, 07.12.2010 10:55:
Sehr geehrter Hr. Herz, es geht ja schließlich nicht darum, dass alle geistig behinderten in Gymnasien unterrichtet werden sollen. Allerdings darf keinem Schüler Bildung vorenthalten werden - auch keinem geistig behinderten Menschen. Z.B wird ein Schüler mit Down-Syndrom aufgrund seiner Chromosomenanomalie als geistig behindert eingestuft.Seine Schulkarriere wird gesellschaftlich vorgegeben. Fähigkeiten und Kenntnisse, die evtl. einen Besuch auf einem Gymnasium möglich machen würden, werden dabei außer acht gelassen. Das es auch anders möglich ist, zeigt ein Beispiel aus Spanien, das unlängst in der Lebenshilfezeitung veröffentlich wurde. Hier besuchte ein junger Mann, die zuständigen Regelschulen und es gelang ihm sogar ein pädagogisches Studium abzuschließen. Auch wenn dies ein Einzelfall ist, so sollte es dennoch, auch bei uns, möglich sein. Die Wahlmöglichkeit, der eigenen schulische Laufbahngestaltung, darf keinem Schüler vorenthalten werden - auch keinem behinderten Schüler. Im übrigen ist das Ziel der UN-Konvetion nicht eine Integration einzelner Schüler, sondern vielmehr der Inklusionsgedanke, der besagt, eine Schule für alle zu gestalten. In der jeder Schüler eine individuelle Förderung erfährt - denn auch nicht-behinderte Schüler haben ein Anrecht auf Förderung. Dies ist in Klassen mit 30 Schülern, auch ohne behinderte Mitschüler, nicht darstellbar. Ein gemeinsames Lernen in einer Schule für Schüler mit und ohne Behinderung - Eine Schule für Alle ist das Motto. Das kritische Überdenken der eigenen Lehrerrolle,der Klassengrößen und der Notwendigkeit eines mehrgliedrigen Schulsystems ist natürlich hierzu unbedingt notwendig. Mit freundlichen Grüßen Esther Bernard
Kraus, 07.12.2010 13:20:
Eine Zumutung ist es in erster Linie für die (nicht körperlich) Behinderten selbst, wenn man sie mir nicht dir nichts in einen Unterricht setzt, dem selbst die Nichtbehinderten nur mit großer Mühe folgen können. Es geht doch nicht darum, jemand auszugrenzen und einen anderen integrieren zu "wollen" sondern um die Einsicht, dass manches einfach nicht zusammenpasst. Nicht das dies falsch verstanden wird: Es geht nicht um eine Diskriminierung geistig Behinderter (so wie es in ihrem Artikel anklang), sondern um ein ehrliches Anerkennen dessen, was für diese Schülergruppe notwendig ist. Und zum Schluss noch einen Seitenhieb auf die Lehrer einzubauen ist für das angesprochene Thema ebenfalls NICHT hilfreich. Mit freundlichen Grüßen Michael Kraus