Eingliedrig, zweigliedrig oder dreigliedrig - Wohin zieht das Schulsystem?
Liebe Kolleginnen und Kollegen,
die Bildungsforschung lobte den Berliner Schulsenator Zöllner für seine radikale Strukturreform. Vom nächsten Jahr an soll es keine Hauptschulen mehr geben, sondern nur noch zwei Arten von Oberschulen: Sekundarschulen und Gymnasien. Und obwohl die Sekundarschulen kostspielige Vorteile in der Ausstattung bieten, wie etwa
- Ganztagsunterricht,
- alle Abschlüsse,
- angeblich fließende Übergänge,
- kein Probejahr,
- dreizehn Schuljahre bis zum Abitur,
- kleinere Klassen oder
- Mensa,
hält sich die Begeisterung vieler Eltern sehr in Grenzen. Sie wollen in dieser Reform einen Angriff auf das Gymnasium erkennen, zumal die in Berlin mitregierende Linke keinen Zweifel daran ließ, dass sie diese Schulform am liebsten abgeschafft hätte.
Der Unmut über den grassierenden Reformwahn – diese jetzt ist die vierundzwanzigste in fünf Jahren – entzündete sich aber erst am Kleingedruckten. Danach müssen Oberschulen, die besonders beliebt sind und darum mehr Anmeldungen haben, als sie Plätze vergeben können, fast ein Drittel der Schulplätze verlosen. Sechzig Prozent ihrer Schüler darf die Schule noch selbst auswählen, nach klaren Leistungskriterien und Begabung (etwa für Klassen mit besonderem musischen oder naturwissenschaftlichen Unterricht), noch einmal zehn sind für Geschwister und als „Härtefälle“ bezeichnete Kinder reserviert. In den Lostopf kommen dann alle übrigen – unter Umständen dreimal oder auch zehnmal mehr Anwärter, als Plätze vorhanden sind. Hier entscheiden allein die Eltern, ob sie teilnehmen wollen, unabhängig von der Schulempfehlung der Grundschule.
Dieser „Gleichbehandlung“, wie sie der Schulsenator beschreibt, misstrauen nicht nur Eltern, sondern auch fast alle Schulleiter an Berliner Gymnasien. Sie fürchten um ihre sorgfältig aufgebauten Profilklassen und um das Leistungsniveau; sie halten diesen Laborversuch am lebendigen Kind für äußerst fragwürdig und rechnen mit vielen, die sich übernehmen und nach einem Probejahr zurückgestuft werden. Und ab und an sprechen Eltern aus, was viele in den bürgerlichen Vierteln wohl am meisten ängstigt: Dass Eltern aus prekären Stadtteilen, wo Schulversagen und Gewaltausbrüche Schlagzeilen machen, ihre Kinder in die heile Welt der anderen bringen könnten.
Und in diesem letzten Satz aus einem Bericht der FAZ liegt mit Sicherheit auch ein Problem, warum die Politik sich scheut, noch stärker den Weg der integrativen Schulform zu gehen, denn die Reaktion der Eltern wäre das, was sich seit Jahren zeigt und immer mehr verstärkt: der Run auf die privaten Schulen. Oder die Flucht aus den Hauptschulen. Wollte eine Regierung ausschließlich integrativ unterrichten lassen, schüfe sie damit automatisch eine starke zweite Säule in Form von Privatschulen. Und die Eingliedrigkeit wäre dahin. Nur auf Integration zu setzen, wäre den Eltern zu viel abverlangt und sicher auch ideologisch inspiriert. Die Vielfalt an Schulformen ist sicher nicht unbedingt eine Schwäche des deutschen Schulwesens, aber die mangelnde Kontinuität auf jeden Fall! Letztlich bleibt zu vermuten, dass sich auf Dauer eine Art Dreigliedrigkeit in abgewandelter Form von Hauptschule/Realschule/Gymnasium bilden wird: Sekundarschulen bzw. Realschulen plus usw. als „unterste Schulform“, das staatliche Gymnasium und die privaten Schulen. Bis dann die Flucht aus den Sekundarschulen einsetzt...
Ihr
Gernot Herz
ist ein kostenloser Service vom Fachverlag für Computerwissen.
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