Elternsprechtag - Die Stunde der Wahrheit
Liebe Kolleginnen und Kollegen,
an vielen Schulen kommt jetzt das Ereignis, was man für viele Schülerinnen und Schüler sicher als die Stunde der Wahrheit bezeichnen kann: der Elternsprechtag!
Alles, was bisher den Eltern an schlechten Noten, nicht gemachten Hausaufgaben oder Fehlverhalten seitens ihrer Kinder verschwiegen oder seitens der Lehrerinnen und Lehrer nicht mitgeteilt wurde, kommt auf den Tisch. Sicher machen Sie auch die vielfältigen Beobachtungen, die für mich seit Beginn meines Lehrerdaseins typisch sind:
- Viele Eltern oder Erziehungsberechtigten derjenigen Schülerinnen oder Schüler, die wir gerne und unbedingt von Angesicht zu Angesicht informiert hätten, erscheinen wieder einmal nicht und es bleibt die Möglichkeit, sie in den folgenden Tagen entweder telefonisch oder brieflich zu erreichen, was angesichts der schulischen Lage ihrer Schützlinge unverzichtbar ist.
- Die Eltern der hervorragenden Schülerinnen und Schüler erscheinen bei einem selbst und zusätzlich noch bei den anderen Fachlehrerinnen und Fachlehrern, beglücken selbst die total unterbeschäftigten Sportlehrer mit ihrem Besuch, erzählen die ganze Familiengeschichte und halten so den bisher ganz passabel geregelten Elternsprechtagsverkehr auf.
- Die Eltern der Schülerinnen und Schüler, die durch Faulheit und vorlautes Auftreten in den vergangenen Wochen des Schuljahres eine Freude des ganzen Kollegiums waren, sitzen völlig konsterniert gemeinsam mit ihren Schützlingen in der Sprechstunde, werfen verärgerte Blicke auf Ihre Kinder und verschämte auf die Lehrperson, scheinen über drakonische Strafen gegen die versagenden Zöglinge nachzudenken, um dann in den folgenden Wochen doch „business as usual“ zu betreiben.
- Wiederum andere Eltern lassen sich sogar zu Absprachen hinreißen, die da lauten: „Du lässt am Ende jeder Stunde dein Hausaufgabenheft von deinen Lehrern unterschreiben!“ oder „Wäre Ihnen das zuviel, wenn ich mal alle zwei bis drei Wochen anrufen und nachfrage, wie es so läuft?“ Das Ergebnis in den meisten Fällen: siehe Punkt 3.!
- Sicher gibt es auch viele Eltern, die aus den Gesprächen mit unseren Kolleginnen und Kollegen die richtigen Schlüsse ziehen, unsere Beratung annehmen und versuchen, gegen zu steuern. Genau für die sind die Elternsprechtage unverzichtbar!
Rund um das Thema Elternsprechtag schwirren zwei entscheidende Fragen: wann und wie? Soll der Elternsprechtag vor oder nach den Halbjahreszeugnissen (November oder Februar) stattfinden. Ist der eine Termin gerade für die einstündigen Fächer zu früh und der andere angesichts der Aussagekraft der Halbjahreszeugnisse überflüssig?
Wie soll der Ablauf geregelt werden? Sollen wir den Kids im Vorfeld per Terminliste die Besuchszeit für ihre Eltern mitteilen, opfern dafür einiges an wichtiger Unterrichtszeit, um dann festzustellen, dass die vereinbarten Termine dann doch nicht wahr genommen werden? Sollen am Elternsprechtag selbst an der Tür des Sprechzimmers Terminlisten aushängen, in die sich die Eltern dann im 10 – Minuten – Takt eintragen können, um dann aber festzustellen, dass vom ersten Elternbesuch an die vereinbarte Sprechzeit von netto 10 Minuten überzogen wurde, sodass die Anschlusstermine alle in Frage gestellt sind?
Oder sollen drittens ausreichend Sitzgelegenheiten vor den jeweiligen Sprechzimmern stehen, sodass die Eltern in Decken eingehüllt auf den zugigen Fluren stundenlang verharren, bis sie dann verzweifelt an der Türe scharren, da Eltern bzw. Kollegen im Sprechzimmer kein Ende finden?
Die letztgenannte Variante wird seit Jahren an unserer Schule umgesetzt und ist genau wie die anderen Varianten, die an der Schule meines Sohnes bzw. an meiner alten Schule praktiziert wurden, nicht gefeit vor den ironisch angesprochenen Auswüchsen. Was ist denn das Gelbe vom Ei? Welche Variante bevorzugen Sie?
Schreiben Sie mir an lehrerforum@vnr.de.
Ich würde mich freuen.
Ihr

Gernot Herz
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