Ende der Ehrenrunde, die nie eine war?
Liebe Kolleginnen und Kollegen,
das Sitzenbleiben ist schon länger in der Diskussion und gerne wird dabei auf das vermeintliche Vorbild Finnland verwiesen, wo es das verordnete Wiederholen einer Klassenstufe nicht gibt. Jeder, der diese Zeilen liest, kennt wahrscheinlich mindestens eine Person, der das Sitzenblieben nicht geschadet hat, aber jeder Lehrer kennt aber auch Schüler, denen es nichts gebracht hat. Das Portal www.evangelisch.de notierte am 30.8.10, dass in den neuen Sekundarschulen in Berlin das Sitzenbleiben abgeschafft wurde und nur unter bestimmten Voraussetzungen freiwillig wiederholt werden darf. Ähnlich wird an den Integrierten Gesamtschulen in Rheinland-Pfalz verfahren.
Das Portal nennt dabei zwei Studien, die zu scheinbar gegensätzlichen Ergebnissen kommen: Teuer und unwirksam sei das Wiederholen einer Klassenstufe, heißt es in einer Studie der Bertelsmann-Stiftung. Darin hat der Essener Bildungsforscher Klaus Klemm errechnet, das Sitzenbleiben koste den Steuerzahler jährlich knapp eine Milliarde Euro, ohne pädagogische Erfolge zu zeigen. … Demgegenüber steht eine Untersuchung des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung, das im Jahr 2004 Daten von mehr als 2.500 ehemaligen Schülern der Geburtsjahrgänge 1961 bis 1973 ausgewertet hatte. Das Ergebnis: "Wer eine Klasse wiederholt, hat gute Chancen, einen besseren Schulabschluss als vergleichbare Mitschüler zu erreichen, die immer versetzt wurden."
Ob man diese beiden Studien allerdings gegeneinanderstellen darf, ist doch sehr fraglich, denn die Geburtsjahrgänge 61 bis 73, die zum Erhebungszeitpunkt 2004 bereits zwischen 31 und 43 Jahren alt waren und heute als Lehrpersonen vor einer Klasse stehen, mit den heutigen Schülern zu vergleichen, scheint mir doch arg an den Haaren herbei gezogen. Fakt ist, dass das Kostenargument für die Bildungsministerien den Ausschlag gibt. Warum werden denn sonst Turboabitur und integrative Fächer eingeführt? Um Kosten zu sparen! Wenn die eingesparten Gelder dann für Fördermaßnahmen verwendet werden, wodurch die Anzahl der „Bildungsverlierer“ wirklich reduziert wird, kann man kaum dagegen sein.
Ihr
Gernot Herz
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