Falsch verstandene Freiheit?

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

letzte Woche hat eine Meldung, die durch die deutsche Presse ging, für Erstaunen, Verwunderung und auch Kopfschütteln gesorgt. Zugegeben, meine erste Reaktion war Kopfschütteln, denn eine deutsche Familie hat in den USA Asyl beantragt und erhalten. Der Vater wollte seine Kinder nicht dem unchristlichen Treiben an deutschen Schulen aussetzen und sie lieber zuhause unterrichten. Die Familie gehört zu einer Gemeinschaft evangelikaler Christen und fühlt sich demnach sicher in den USA wohler, wo sie in der neuen Heimat Tennessee auf Gleichgesinnte treffen werden. Nicht christlich genug schien auch nicht die Möglichkeit gewesen zu sein, eine Schule in kirchlicher Trägerschaft zu besuchen. Dass die USA Asyl gewähren, liegt wohl daran, dass Religionsfreiheit dort einen anderen Status als bei uns hat. Auch in Deutschland kann man seine Religion frei ausüben, dennoch fährt der Staat denjenigen in die Parade, die meinen, ihre Kinder dem staatlichen Bildungssystem entziehen zu können.

Die Grundfrage, die hier entsteht, ist nicht die nach der Religionsfreiheit, sondern eher, ob die Entscheidungsgewalt der Eltern über ihre Kinder höher einzuschätzen ist, als das Grundrecht auf Bildung. Dieses Grundrecht ist in unserem Grundgesetz eher als Pflicht formuliert und das ist auch richtig so. Möglicherweise wäre der Vater der Familie sogar in der Lage gewesen, seine Kinder selbst zu unterrichten, aber auf so ein Recht würden sich mit Sicherheit ebenso andere Familien berufen, sei es auch aus Bequemlichkeit. Schulverweigerern wäre damit ein Freibrief erteilt und milieubedingte Nichtbildung würde völlig neue Blüten treiben. Man entzöge so den Kindern die letzte und einzige Chance, sei sie in manchen Fällen auch noch so klein. Die „Flüchtlingsfamilie“ möge in ihrer neuen Heimat in der Gemeinschaft mit anderen Fundamentalisten glücklich werden, in Frage steht die Schulpflicht in unserem Land deshalb zum Glück nicht!

Ihr

 

Gernot Herz

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damaris, 02.02.2010 13:25:
Grundsätzlich finde ich das Verhalten dieses Vaters nicht richtig. Allerdings glaube icch auch nicht, dass alleine die Tatsache eind Schule zu besuchen, die einen krichlichen Träger hat eine Gewähr dafür gibt, dass mein Kind den schlechten Einflüssen weniger ausgesetzt wäre. Denn die Kirchen gehen, gerade was die Moral angeht mit schlechtem Beispile voran. Z.Bs. verurteil die Bibel ganz klar Homosexualität, doch was machen die Kirchen, sie trauen gleichgeschlechtliche Paare. Da gäbe es noch so vieles, bei dem die Kirchen eher abschreckend sind. Aus diesem Grunde glaube ich nicht, dass mein Kind auf einer kirchlich ausgerichteten Schule besser aufgehoben ist.
pichi, 02.02.2010 15:58:
Ich habe meine vier Kinder auch dem staalichen Schulsystem entzogen und die Bildung in privater Trägerschaft vorgezogen, weil es so viele unfähige Lehrer gibt, sehr viel strukturelle Gewalt und andere überflüssige Belastungsfaktoren, wie unorganisierter Unterrichtsausfall, planlose Schulleitungen u.ä. Eltern, die ihre Kinder nicht in die Schule schicken gab es und gibt es auch aktuell trotz möglicher Geldstrafen. Aber die Familie, die hier aktiv wurde und viele andere, die unseren staatlichen Schulen zu Recht misstrauen, können ihre Kinder in Eigenregie unterrichten, weil sie die Fähigkeiten dazu haben. Das was die Kinder bei ihren Eltern gelernt haben ließe sich problemlos abprüfen, genauso wie bei regulären Schulkindern eben auch.
Stephanie, 02.02.2010 17:53:
Lieber Kollege! Ich bin selbst Lehrerin und habe keine Kinder. Wenn ich allerdings Kinder hätte würde ich auch in den USA Asyl beantragen und meine Kinder selbst unterrichten, da sämtliche Bildungssysteme die ich kenne nicht am Kind ausgerichtet sind. Nur liebe brave angepasste Kinder, die von ihren Eltern zum Gehorsam erzogen wurden, machen diesen meist unsinnige total am Leben vorbei gehenden Unterricht noch stillschweigend mit und werden genauso gehirngesteuerte manipulierbare Menschen die die Welt nicht mehr braucht.
Reinhard, 02.02.2010 23:14:
Zu diesem Thema gibt es naturgemäß unterschiedliche Sichtweisen. Ich habe die Frage an Herrn Herz, warum er von "der Gemeinschaft mit anderen 'Fundamentalisten'" spricht. Da dieser Begriff immer im Zusammenhang auftaucht mit Terrorismus/Extremismus - was meist mit Gewalttätigkeiten Mitmenschen gegenüber einhergeht - kann ich in dem Vorgehen dieser deutschen Eltern die Rechtmäßigkeit für einen solch starken Begriff nicht finden. Es sei denn, dass damit ausgedrückt werden soll, dass sich diese Familie auf die Bibel als ihr "Fundament" stützen möchte, was ja durchaus kein Fehler ist. Ansonsten kann die falsche Verwendung dieses Begriffs leicht dazu führen, dass ein Mensch, der sein Leben auf Gott ausrichten und danach leben möchte, mit Gewalttätigen und Radikalen in einen Topf geworfen und dadurch "dämonisiert" wird.
Eva, 03.02.2010 14:21:
Wenn Eltern eine andere Glaubenseinstellung als die der vorherrschenden Kirchen haben, werden sie der Ansicht sein, dass ihre Kinder in konfessionellen Schulen wahrscheinlich nicht gut aufgehoben sind. Mitglieder christlich freikirchlicher Organisationen haben, meiner Ansicht nach, fundamentalere Vorstellungen als die der evangelischen oder katholischen Kirche. Ich bin dafür, dass Eltern, soweit sie dieses können, ihre Kinder selber unterrichten. Ich glaube nicht, dass unsere herkömmlichen Pädagogen das Privileg haben, alleinig Kinder erziehen und unterrichten zu können. Es gibt viele positive Beispiele, die bezeugen, dass es Elternpaaren gelingt, ihre Kinder auf einen Bildungsstand zu bringen, der hervorragend ist und viel Anerkennung verdient. Da werden die Kinder nicht an Pädagogen "abgeschoben". Die Angst vor "Schulverweigerung" ist ein Pseudoargument und setzt sich nicht intensiv mit den Wünschen der Eltern, die "homeschooling" bevorzugen, auseinander. Noch ein Hinweis. Gerade Kinder, die besonders gefördert werden müssen, gehen in den sogenannten Föderschulen bei uns häufig unter. Ein häusliches Unterrichten, durch pädagogisch geschulte Mütter oder Väter, wäre ein Vorteil. Auch "Pflegekinder", die Förderschulen besuchen, würden durch solch einen Unterricht bessere Lernprognosen bekommen.
Netzwerk, 06.02.2010 21:42:
Das Vorurteil, dass Homeschooling auch von solchen mißbraucht werden könnte, die nur die Schule verweigern und der Bequemlichkeit frönen, kann ziemlich leicht widerlegt werden. Es steht dem Staat doch offen Homeschooling zu kontrollieren und gewisse Mindestanforderungen an dessen Genehmigung zu knüpfen. Österreich hat dafür eine einfache, aber sehr effektive Methode gefunden: Einmal im Jahr werden die zu Hause unterrichteten Kinder geprüft in einer staatlichen Schule, ob ihr Entwicklungsstand mindestens dem eines Schülers an einer staatlichen Schule entspricht. Ist dies der Fall wird die Genehmigung für ein weiteres Jahr erteilt, ist es nicht der Fall muß das Kind zurück in die Schule. Schulschwänzern, Faullenzern oder auch fundamentalistischen Hinterhofkoranschulen wird damit die Grundlage entzogen, aber die die gewissenhaft lernen werden nicht mit Ersteren in Sippenhaft genommen. Warum sind wir Deutschen nur so schrecklich kompliziert und haben tausend unsinnige Ausreden, die sich bei näherem Hinsehen ins Nichts auflösen. Wie werden denn alle anderen Länder damit fertig? Ist dort das Chaos im Bildungssystem ausgebrochen wie man es meint hier heraufbeschwören zu müssen? Nichts von alledem. Dort ist Homeschooling selbstverständlich eine akzeptierte Bildungsalternative. Warum nicht auch bei uns?
Ingeborg, 07.02.2010 14:47:
Für nicht wenige Mädchen und Jungen hat sich der früher vielleicht vorhandene Segen der Schulpflicht in einen Fluch verwandelt: Sensible Kinder reagieren mit psychosomatischen Beschwerden, Hauptschüler (von Sonderschülern ganz zu schweigen) sehen sich von der fünften Klasse an als die Looser, Schüler mit Teilleistungsschwächen verlieren ihr Selbstvertrauen, und sowieso verlieren fast alle recht schnell die im Vorschulalter vorhandene Wissbegierde ... Wen kann man über Risiken und Nebenwirkungen des Schulbesuches befragen?