Kritik an der Lehrerschaft: Stellen wir uns unseren Aufgaben

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

warum sind Sie Lehrer oder Lehrerin geworden? Hatten Sie ein schlechtes Abitur? Wollten Sie ein einfaches Studium absolvieren? Oder waren Sie scharf auf einen gesicherten Job mit 13 Wochen Urlaub? Harte Fragen, aber wenn man liest, was der Stern über die Lehrerschaft berichtet, scheint das der Grundtenor des Artikels von Catrin Boldebuck unter der Überschrift „Holt die Elite ins Klassenzimmer“ zu sein:

  • In Deutschland kann jeder Lehrer werden, der ein mittelmäßiges Abitur hat.
  • In Deutschland gibt es zu wenig gute Lehrer.
  • Nur die Besten sollten zum Studium zugelassen werden.
  • Für ein Viertel der angehenden Pädagogen ist der Beruf nur eine Verlegenheitslösung.

Harte Worte angesichts der Tatsache, dass seit Jahren eher Eltern, Bildungs- und Finanzpolitiker den Schwarzen Peter zugeschoben bekamen. Immerhin räumt die Journalistin ein, dass der Leistungsanreiz zu gering und die unterschiedliche Bezahlung quer durch die Schularten ungerecht sei. Aber muss die Mehrzahl aller Lehrerinnen und Lehrer sich den Schuh anziehen, fehl am Platz zu sein? Die Wahrheit liegt wahrscheinlich wie immer in der Mitte. Alle Beteiligten haben die Aufgabe an der Verbesserung des Schulsystems und des Unterrichts mitzuarbeiten. Das darf nicht bei Lippenbekenntnissen und Scheinbeschlüssen (siehe Bildungsgipfel) aufhören, sondern fordert auch von der Lehrerschaft das kritische Hinterfragen der täglichen Arbeit. Kritisch kann man aber nur die eigene Arbeit bewerten, wenn man sie zur Schau stellt. Was das heißt, ist klar: Alle Kolleginnen und Kollegen müssen sich einer Überprüfung ihrer Arbeit von außen stellen! Hier ist die Politik wieder am Zug, denn sie muss die Voraussetzungen für eine Evaluation des Unterrichts schaffen. Das darf nicht nur alle Jahre einmal passieren, sondern muss ein ständiger, sich wiederholender Prozess sein. Wir haben schließlich nichts zu verbergen, oder?

Ihr

 

Gernot Herz

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Olive H., 31.10.2008 11:14:
Frau Catrin Boldebuck soll doch mal in eine Brennpunkt-Hauptschule kommen und für nur einen Tag eine Lehrkraft vertreten! Sie ist sicher in allen Schulen als Vertretung herzlich willkommen. Danach führen wir die Diskussione über die Wertigkeit der unterrichtenden Lehrerschaft weiter. Mit freundlichen Grüßen O.Weitzel
Dörte, 31.10.2008 11:15:
Wenn man die "Elite" hinter den Pulten haben möchte, dann sollte man die Bedingungen verbessern. Ich bin seit 22 Jahren Lehrerin. Meine Stundenzahl hat sich um 2 Stunden erhöht, das Urlaubsgeld wurde gestrichen, das Weihnachtsgeld auf 30% gekürzt, zur Beihilfe muss ich einen Eigenanteil zahlen, Beförderungen in höhere Dienstgruppen (früher automatisch) gibt es kaum noch, Klassengrößen sind gestiegen, Zentralprüfungen und andere ministeriale Ideen erfordern immer mehr Verwaltungsaufwand, die Öffentlichkeit prügelt gern auf uns ein (Pisa-Studien-Vergleiche mit Ländern mit einer SS-Lehrer Relation von 17:1 - bei uns jedoch 30 :1) usw. Wo soll eine "Elite" den Reiz sehen, ausgerechnet Lehrer zu werden?
Holger, 31.10.2008 11:28:
Eigentlich ist der "Grundtenor" des Editorials genau das Problem, das ich seit vielen Jahren - und vor allem an Gymnasien beobachten muss: Es mangelt am Selbstvertrauen, man fühlt sich angegriffen (und liest dann folgerichtig auch nur die Teile eines Artikels oder Kommentars, die das eigene Vorurteil bestätigen!), man will sich nicht in die Karten schauen lassen und lehnt die selbst ab, seriöse Studien zur Kenntnis zu nehmen. Ich lese in dem Artikel von Catrin Boldebuck vor allem und immer wieder sehr stark durchscheinend eine riesige Hochachtung vor der Leistung, die unsere Lehrer (und sie meint im Prinzip alle!) tagtäglich vollbringen. Das sollte der Lehrerseele doch eigentlich erst einmal gut tun. Dass sie dabei auch auf die realistisch vorhandenen Probleme - und Problemfälle - hinweist, bestätigt mir eigentlich mehr die Seriosität, mit der diese Journalistin sich ihrer Aufgabe gestellt hat: keine Lobhudelei, aber auch keine blinde Verteufelung. Ich glaube schon, dass gar manche Lehrkraft an unseren Schulen in Deutschland diesen Beruf nicht wegen eines in ihnen drängenden pädagogischen Bedürfnisses gewählt hat (was übrigens über die Qualität der Berufsausübung noch gar nichts aussagt). Das sollten wir als Faktum anerkennen und wir sollten auch die Frage zulassen, ob hier Änderungen tatsächlich Abhilfe schaffen könnten (die Frage muss ja auch nicht a priori bejaht werden). Wir sollten zugeben können, dass lange nicht jede Lehrkraft auch Kinder und den Umgang mit ihnen liebt (möglicher Weise ein viel griffiger Schlüssel?), dass damit allerdings auch deren pädagogisches Scheitern vorprogrammiert ist. Und wir sollten ruhig ertragen, dass auch die Frage der Sinnhaftigkeit des Beamtentums für Lehrer gestellt wird - die man mit guten Argumenten übrigens auch bejahen kann! In einem aber möchte ich Ihnen bedingungslos zustimmen: Öffnung nach innen und nach außen. Überall da, wo gegenseitiges Hospitieren von Kollegen als selbstverständliche und gerne angenommene Hilfe zu Verbesserung der eigenen Qualität, als "Aufpolieren eines ansonsten schon durch verminderte Wahrnehmung mit blinden Flecken übersäten Spiegels des eigenen Seins und Tuns" empfunden wird, ist eine deutliche Qualitätssteigerung spür- und erkennbar. Das könnte doch schon ein Anfang sein, dem dann bald die Öffnung nach außen folgen sollte, denn auch von außen können viele gutwillige Helfer kommen. Was sonst sollte sie zu dem Engagement denn motivieren? Wer wollte mit dem Anspruch, ernst genommen zu werden, hier Böswilligkeit oder Aggression annehmen? Es wird Zeit, dass wir alle hier mutig unsere Augen öffnen. Und es wird Zeit, dass auch etwas passiert. Das aber sollte nicht als Aktionismus daher kommen, das muss fundiert aus ehrlicher Reflexion geschehen, denn es geht ja nicht um ein paar Schrauben. Das Produkt (wenn man es ausnahmsweise in bildhafter Beschreibung einmal so nutzen darf) ist die Bildung - Formung! - der Menschen für die Gesellschaft von morgen. Ein wahrlich anspruchsvoller Auftrag, der aller Liebe, Zuwendung und Profess bedarf.
Udo, 31.10.2008 14:02:
Ich kenne den genauen Inhalt der Autorin nicht und werde daher auch keine Kritik an ihr üben. Fest steht jedoch, dass die Schuldiskussion von dogmatisch infizierten Wissenschaftlern/Politikern geführt wird und weniger von Praktikern mit Berufserfahrung - daher Folgendes: - Wer den Abiturschnitt als Zugang zum Lehrerstudium für wichtig erachtet hat wirklich nichts begriffen. - In jedem Beruf gibt es Leute, die ihren Job verstehen oder nicht. - In allen Dikussionen wird selten über die desolaten Schüler ( ein soziologisches Problem u.a. wegen hoher Scheidungsquoten )gesprochen und wie man das Rüstzeug der Lehrer zur Begegnung von Disziplinschwierigkeiten erhöhen kann. - die pädagogische Elite besteht aus Leuten mit einem Höchstmaß an Emphatie und Lebenserfahrung, die mutig genug sind auch ungewöhnliche Wege zu gehen und bestehende Theorien zu hinterfragen und zu verwerfen. - je weiter man in den Schulsystemen nach unten reist, desto mehr wirst du jeden verdammten Tag von deinen Schülern aus Herz und Nieren geprüft ( Förderschule, Hauptschule etc. ). Jeden, der den Mut für diese Reise hat, lade ich herzlich ein, seinen Horizont zu erweitern. M.f.G. "Sonderschullehrer für Erziehungsschwierige"
Jana, 31.10.2008 14:07:
Was nützt uns die Elite in den Schulen, wir brauchen Lehrer. In den Gesprächen mit unseren Schülern stelle ich immer wieder fest, dass nicht die fachlich besten Lehrer den Jugendlichen etwas vermitteln können, sondern die Lehrer, die mit den Schüler arbeiten und Vertrauen aufgebaut haben. Somit benötigen wir keine Elite in den Schulen sondern motivierte, gut ausgebildete Lehrer, die ihr Handwerk verstehen.
Heidi, 31.10.2008 23:24:
In Sachsen Anhalt werden die schulen (nicht die Lehrer) folgendermaßen evaluiert: 2 Vertreter des Schulverwaltungsamtes hospitieren 20 Minuten in einer Stunde, vielleicht auch noch mal beim gleichen Kollegen, dann gehen sie in eine andere Stunde. Daraus erstellen sie eine Bewertung der Unterrichtsqualität. Danke für einen solchen Schwachsinn. Oder sind diese Leute vielleicht in der Lage, Situationen auf Grund von so kurzen Zeitfenstern einzuschätzen??? Wenn schon Evaluierung, dann bitte fundiert. Ich unterrichte seit 33 Jahren, und immer noch mit Freude.
Bettina, 01.11.2008 11:49:
Als Lehrerin 3. Klasse kann ich nur lachen und junge Leute warnen,lEHRER zu werden, wenn sie nicht garantiert verbeamtet werden. Ich habe diese knapp verpasst (Zweitberuf) und bekomme derzeit als Sek.1 Lehrerin mit 2 Hauptfächern für eine halbe Stelle fette 704 Euro nett0 ausbezahlt. Zugegebenermaßen Lstkl V - bei Lstkl. 1 hätte ich sogar 900 Euro. Deutlich weniger als jeder Pensionär und unter dem deutschen Durchschnittslohn. Dafür soll ich aber noch für mein Alter privat vorsorgen, bloß wovon hat man mir noch nicht verraten. Für diese unverschämte Bezahlung habe ich 5 Jahre Ausbildung auf mich genommen und 2 Staatsprüfungen absolviert !!! Mein Abi habe ich mit 2,0 und meine 2. Staatsprüfung mit 1 abgeschlossen! Und was nützt es mir?Ich habe noch nie zuvor soviel gearbeitet für so wenig Geld. ICH BIN GEGENJEDE FORM VON WEITEREN ÜBErprüfungen. Wer peanuts bezahlt, kann nur Affen erwarten!!! Eliten sollten zusehen, Arbeit zu finden, wo die Bezahlung ihre Leistungen auch honoriert.
Georg, 01.11.2008 12:14:
Frau Boldebuck ist sicher eine Erfindung, denn ihre Äußerungen treffen die Realität nicht im Entferntesten. Die Elite wird zur Elite gehen und sich den Bedingungen an den Schulen nicht aussetzen. Das ist ganz einfach, Punkt. Viele Grüße auch!
Udo, 02.11.2008 20:36:
Alles Quatsch. Wer ein 1.0 Abi macht wird nicht Lehrer, weil er sich nicht mit 3000€ brutto zufrieden geben wird. Und dieser Evaluationszauber wird viel zu hoch gehangen. Da wird doch eh nur Show gezeigt. Das Grundproblem der Schulen ist eh die Profliierungssucht nach Außen. Ich kenne ein Gymnasium, wo ein MAthelehrer dazu genötigt wurde, eine Golf-AG anzubieten, weil es nach außen so toll aussieht. Im Gegenzug hatte ein MAthekurs 36 Schüler, weil die AG Stunden im Mathe-Topf fehlten. Ein wirklich sinnvoller und innovativer bildungspolitischer Schritt wäre die gesetzliche Festlegung von sinnvollen Schülerobergrenzen pro Klasse. Alles andere ist Alibigetue!
Gaby, 03.11.2008 18:29:
Also, wieder einmal die gleiche Sauce.Mittler-weile muss sie doch aufgesogen sein. Zu diesem Thema:Lehrer sind auch nur Menschen.Unter ihnen gibt es Gute und eben weniger Gute.Das allein kann aber doch nicht die Bildungsmisere in unserem Lande ausmachen. Kommen wir endlich zu den wahren Hintergründen: Miserable Bedingungen ( schulische Ausstattung,immer noch schlechte Ausbildung der Lehrer,veraltetes Lehrmaterial,falsche Vorstellungen von dem,was Schule leisten soll und kann.Ausserdem hat sich immer noch nicht herumgesprochen, dass die Arbeit im Team für Lehrer zwingend ist.Verwaltungsakte am Bürotisch und in Verwaltungsköpfen entworfen tun ihr Übriges.Es nützt nichts:Die Menschen, die praktisch im Schulleben stehen müssen vermehrt in die Entwicklungsprozesse miteinbezogen werden.An der sogenannten Berliner Schulreform offenbart sich der Schwachsinn von bestimmten Ideologien und die Unfähigkeit zu Visionen und durchdachtem Handeln. Alles Reden und Hochschaukeln auf Nebenschauplätzen verändert die miserable Situation an und in Schule nicht:Unparteiische Lehrer und Erzieher müssen am Veränderungsprozess mitwirken und es muss endlich Geld dafür ausgegeben werden.Die zur Zeit vorherrschende Stückelei und schlechte Improvisation haut die nächste Generation junger Menschen in den Abgrund.