Kritik an der Lehrerschaft: Stellen wir uns unseren Aufgaben

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

warum sind Sie Lehrer oder Lehrerin geworden? Hatten Sie ein schlechtes Abitur? Wollten Sie ein einfaches Studium absolvieren? Oder waren Sie scharf auf einen gesicherten Job mit 13 Wochen Urlaub? Harte Fragen, aber wenn man liest, was der Stern über die Lehrerschaft berichtet, scheint das der Grundtenor des Artikels von Catrin Boldebuck unter der Überschrift „Holt die Elite ins Klassenzimmer“ zu sein:

  • In Deutschland kann jeder Lehrer werden, der ein mittelmäßiges Abitur hat.
  • In Deutschland gibt es zu wenig gute Lehrer.
  • Nur die Besten sollten zum Studium zugelassen werden.
  • Für ein Viertel der angehenden Pädagogen ist der Beruf nur eine Verlegenheitslösung.

Harte Worte angesichts der Tatsache, dass seit Jahren eher Eltern, Bildungs- und Finanzpolitiker den Schwarzen Peter zugeschoben bekamen. Immerhin räumt die Journalistin ein, dass der Leistungsanreiz zu gering und die unterschiedliche Bezahlung quer durch die Schularten ungerecht sei. Aber muss die Mehrzahl aller Lehrerinnen und Lehrer sich den Schuh anziehen, fehl am Platz zu sein? Die Wahrheit liegt wahrscheinlich wie immer in der Mitte. Alle Beteiligten haben die Aufgabe an der Verbesserung des Schulsystems und des Unterrichts mitzuarbeiten. Das darf nicht bei Lippenbekenntnissen und Scheinbeschlüssen (siehe Bildungsgipfel) aufhören, sondern fordert auch von der Lehrerschaft das kritische Hinterfragen der täglichen Arbeit. Kritisch kann man aber nur die eigene Arbeit bewerten, wenn man sie zur Schau stellt. Was das heißt, ist klar: Alle Kolleginnen und Kollegen müssen sich einer Überprüfung ihrer Arbeit von außen stellen! Hier ist die Politik wieder am Zug, denn sie muss die Voraussetzungen für eine Evaluation des Unterrichts schaffen. Das darf nicht nur alle Jahre einmal passieren, sondern muss ein ständiger, sich wiederholender Prozess sein. Wir haben schließlich nichts zu verbergen, oder?

Ihr

 

Gernot Herz

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JO, 05.11.2008 17:55:
"Die Lehrer arbeiten 40 h und mehr"? Bitte um etwas mehr Präzision und damit v.a. Realismus, der die wie so häufig verquere Darstellung gerade rückt! Diejenigen, die wahnsinnig genug sind, in Vollzeit einzusteigen, kennen kein Privatleben mehr - und das ist alles Andere als eine Übertreibung. Arbeiten bis zum Umfallen: Ganztagssschule bedeutet: nach 16h ist erst Halbzeit, der eigentliche Job, der eben u.a. einen fachlich guten, weil vorbereiteten Lehrer ausmacht, beginnt in der zweiten Schicht, zu Hause, zu oft auch bis nach 23h. Hinzu kommen natürlich immer häufiger stattfindende Konferenzen, Teamsitzungen, Fortbildungen etc., so dass die zweite Schicht noch weiter nach hinten geschoben werden muss. Da kann man dann nur noch bei der Schlafration Zeit einsparen. Schön viele Ferien? Ich kenne überwiegend nur KorrektURlaub. Wer hält das auf Dauer durch und bleibt dabei v.a. stets gut gelaunt und höchst motiviert? Wer hat darüber hinaus schon mal gewagt, den Stundenlohn für einen Beruf auszurechnen, der nach einem langen Studium weitere, enorm belastende Ausbildungsjahre erfordert, täglich vollen Einsatz fordert und dessen Dauer-Stressbelastung derjenigen von Kampfjetpiloten gleichzusetzen ist? Auch das nachgewiesene, wissenschaftlich fundierte Tatsache. Wir Lehrer geben alles, doch es wird nur über uns diskutiert und gestritten. Da wird zum x-ten Mal die Fortbildungsoffensive ausgerufen. Als wenn wir noch immer nicht ausgebildet genug wären. Wie wär's stattdessen mit einem radikalen Perspektivwechsel? DER ist nötig! Bitternötig! Das Kernproblem ist dies: der beste Lehrer ist einem lernunwilligen Schüler gegenüber ziemlich machtlos, selbst mit den besten Methoden und den buntesten Moderationskärtchen. Meine Beobachtung ist, dass zunehmende Faulheit, Bequemlichkeit, Lernunlust und nur halbherzige Bemühungen der heutigen Schüler unserer Spaß-, Konsum- und Freizeitgesellschaft um stabilen Lernzuwachs die meiste Schuld an der Misere tragen. Kaum ein Schüler ist bereit, sich wirklich und ernsthaft einzusetzen, Zeit für die eigene Bildung zu investieren, Opfer zu bringen und v.a. Verantwortung für seine Zukunft zu übernehmen. Der Interessenmangel tut ein Übriges: befragt man die heutige Generation nach ihren HOBBIES, kommt nicht viel anderes als "lange schlafen, chillen und shoppen"! Wann beginnt der Denkprozess und die sich anschließende Diskussionswut an genau dieser Stelle?
Marcus, 05.11.2008 18:31:
Wie will man eine Elite an eine Schule bekommen, wenn es an diesen nicht selbstverständlich ist, dass ein Lehrer auch mal eine pdf-Datei und nicht nur ein Worddokument ausdrucken muss? Alltag an einer deutschen Schule, in der es nicht selbstverständlich ist, dass Computer über einen AcrobatReader verfügen müssen, Schüler der 9. Klasse keine Bücher im Fach Deutsch haben, Lehrer Sekretariataufgaben übernehmen müssen, … Womit will man die Elite dorthin locken?