Kritik an der Lehrerschaft: Wie modern sind wir wirklich?

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

Größter Bremsklotz sind die Lehrer“ titelte die Rhein – Neckar – Zeitung in ihrer Online – Ausgabe vom 12.1.09. Die Aussage stammt von der Berliner Erziehungswissenschaftlerin Sabine Brendel und bezieht sich auf die kaum ausgeprägte Neigung der meisten Lehrerinnen und Lehrer in Deutschland Unterricht nach den Ideen der Reformpädagogik zu betreiben. Nach Erkenntnissen der Wissenschaftlerin würden 90 Prozent des Unterrichts an Ganztagsschulen nach dem Prinzip des Frage-Antwort-Spiels betrieben.

Seit fünf Jahren erforscht Frau Brendel im Auftrag der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung den Übergang vom Halbtages-Schulsystem zum Ganztagsunterricht und kommt zu einer eher ernüchternden Erkenntnis:

Vier Milliarden Euro stellt die Bundesregierung bis 2009 für den Ausbau der Ganztagsschulen zur Verfügung. Über 6400 Schulen haben diese Mittel bundesweit bislang in Anspruch genommen. Leider wurden mit dem Geld vorwiegend Mensen gebaut, beklagt Erziehungsforscherin Brendel. "Die Schulen setzen keine pädagogischen Schwerpunkte, sondern richten konzeptionslos Aufenthaltsräume ein." An der Art des Lernens jedoch ändere sich nichts. "Es ist eine Katastrophe, dass auch in Ganztagsschulen 90 Prozent des Unterrichts nach der alten Frage-Antwort-Methode verläuft."

Der größte Bremsklotz auf dem Weg zu einer neuen Schule, sagt Sabine Brendel, seien die Lehrer. Sie stemmten sich mit aller Kraft gegen den Verlust ihrer "Zeitautonomie", sprich: des freien Nachmittags. "Die Lehrer werden künftig bis 16 oder 17 Uhr in der Schule sein, auch wenn sie nicht unterrichten." Dr. Sabine Brendel sieht in dieser längeren Anwesenheit eine Riesenchance: "Die Ganztagsschule kann das Einzelkämpfertum, unter dem die Lehrer so leiden, aufbrechen." Bei Projekt- und Teamarbeit verteilten sich Arbeit und Verantwortung auf mehrere Lehrer.

Mir fallen dazu noch weitere Bremsklötze ein: Bildungsföderalismus, Besitzstandsdenken, Drei-Klassen-Denken, jahrelange Investitionshemmung und Reduzierung von Fortbildungsmöglichkeiten bzw. –angeboten.

Ihr

 

Gernot Herz

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Kirsten, 16.01.2009 12:07:
Ja, da spricht der Fachmann. Wie lange ist es wohl her, dass Herr Herz in einer Schule war? In vielen Schulen sind Nachmittage die Regel, auch um die Zusammenarbeit zu erhöhen. Das ersetzt aber nicht die persönliche Unterrichtsvorbereitung und die Korrektur von Arbeiten. Ich verlasse an vier Tagen der Woche um 16.30 Uhr die Schule, dann sind o. g. Arbeiten zu erledigen und Elternanrufe zu tätigen. Vielleicht möchte Herr Herz meinen Job einmal übernehmen - ob er es eine Woche lang schafft?
Peter, 16.01.2009 12:15:
In wessen Verantwortungsbereich liegt denn diese Umgestaltung? Handelt es sich hier nicht um eine Aufgabe im Managementbereich? Frau Brendel betrachtet offenbar den Umbau und dessen Qualität. Wenn sie dabei Mängel erkennen kann, sollte sie auch in der Lage sein, die Kritik an die Leute ranzubringen, die über die Gelder, die Macht und die Verteilungskompetenzen in angesprochener Angelegenheit verfügen. Seit wann haben Lehrer das Recht und die Aufgabe, die Mängel und Versäumnisse der deutschen Verwaltungs- und Aufsichtsbehörden zu korrigieren oder zu beheben? Was Frau Brendel zum Thema Reformbereitschaft, und, unterschwellig eingestreut, zur Qualität der Lehrerinnen und Lehrer zu sagen hat, wundert jeden, der in einer Schule arbeitet. Gut, dass es so kompetente Leute wie Frau Brendel gibt. Man stelle sich vor, alle wären so borniert und rückständig, wie die Lehrer.
UdN, 16.01.2009 13:57:
Ja, wir alle wissen, dass Lehrer unmodern, faltenrocktragend sind und überhaupt nur faul auf ihrer Beamtenhaut liegen. Und wenn ihnen das auch noch zu viel wird, sie Kinder überhaupt nicht mehr sehen können, flüchten sie in Lehrerauffangstationen - man nennt sie auch Psychiatrien- und lassen sich dort mit Tabletten und Therapien gegen Depressionen und burn out- Syndromem aufpäppeln und bauchpinseln... Ach ja Lehrer habens gut-so einer müsste man sein... da könnte man 24h am Tag arbeiten und hätte sogar oben erläuterte Perspektiven... ist das nicht schön???
Bettina, 16.01.2009 14:32:
Wie wär's denn, wenn statt von den vorhandenen Lehrern immer mehr Einsatz an Zeit und Arbeit (z.B. auch am Nachmittag IN der Schule) zu verlangen (und das alles zu einem, naja, ich sage mal, nicht gerade üppigem Gehalt) endlich einmal etwas an den Resourcen geändert werden würde? Dazu zähle ich kleinere Klassen, mehr Lehrkräfte und - vor allem - sowohl raum- als auch materialmäßig besser ausgestattete Schulen. Mit den vorhandenen Resourcen einen Spitzenplatz bei PISA erlangen zu wollen, ist doch völlig widersinnig, aber der Lehrer kriegt den schwarzen Peter zugeschoben und soll's dann richten.
Monika, 16.01.2009 15:02:
Ich arbeite z.B. derzeit 14 Stunden am Tag für die Schule, um das Pensum zu schaffen. Meine Gesundheit ist stark angeschlagen, meine ( neue ) Beziehung davon - wegen meines Zeitmangels und meiner Erschöpfung - und nun auch noch solche hirnverbrannten forderungen. Bald können wir unsere Konferenzen und 100 Dienstbesprechungen und 50 Klassenkonferenzen ( harhar ) in einer super Klinik fortsetzen... dort sehen sich nämlich alle früher oder später wieder. Kommt man dann da mal raus und geht wieder zur Arbeit, geht der Kreislauf wieder los... ich habe inzwischen Angst,mich mit 41 frühpensionieren zu lassen, um nicht krebs oder ähnliches zubekommen, doch dann würde meine Pension unter Hartz IV liegen und für meine Ausbildungsschulden könnte ich dann Privatinsolvenz anmelden...Ja, super Aussicht wegen eines so tollen Jobs !
Klaus, 16.01.2009 15:58:
Es ist immer wieder interessant die Ergüsse sogenannter Erziehungswissenschaftler oder Bildungspolitiker zu lesen, denn es sind gerade solche, die sich schon lange von praktischer Bildungs- oder gar Erziehungsarbeit verabschiedet haben, sicher weil sie die Tretmühle duetsche Schule fürchten. Solche Leute tun mir unsagbar leid, denn werden sie doch damit gehindert, ihre ach so klugen Ideen in die Tat umzusetzen.
Steffen, 16.01.2009 16:05:
Leider bleibt da gar nicht so viel Spielraum. Wer meint denn, dass diese Nachmittagszeiten einfach nur abgerufen müssen? Wann sollen dann die Konferenzen und Bürotätigkeiten ausgeführt werden? Mit einer entsprechenden Pflichtstundenverkürzung und einem fest vorgegebenen Zeitfenster für Konferenzen kann dies allerdings gelingen. Auch eine Digitalisierung wäre eine Perspektive.
Hansjörg, 16.01.2009 16:43:
Die Kritik an der Lehrer-schaft ist ein undifferen-zierter Rundumschlag, der zum einen gegenüber den Lehrern vollkommen unge- recht ist, die sich bis zum letzten aufopfern für einen schülerorientierten und effektiven Unterricht, ge- gen die vielfach verkrus- teten Widerstände im staat-lichen Schulapparat - um nur eines zu nennen: wie stellt sich die Kritikerin einen Reformunterricht vor bei einer vorgeschriebenen Klassengröße von z.B. 33 SchülerInnen - sie sollte sich mal darüber informieren, mit welchen Klassengrößen Reformschulen arbeiten dürfen - und zum anderen nicht deutlich klar macht, dass für die Lehr- kräfte die Schule nicht um 17.00 Uhr im Schulgebäude aufhört sondern zu Hause weitergeht mit Korrekturen, Arbeitsplanungen, Unterrichtsnach- und vorbereitung bis fast täglich Mitternacht. Wo z.B. bleibt da noch die Familie? Wer kann sich als Vollzeitbeschäftigter dann noch solch einen Luxus wie Familie leisten? Was spricht hier für ein Mensch, dem anscheinend dieser Aspekt völlig gleichgültig zu sein scheint? Zudem ist fast jede Lehrkraft an einer Gesamtschule noch eingebun- den in verschiedene Arbeits-gruppen, die neben der Unterrichtszeit bzw. außer- halb dieser noch tagen, zum Teil viele Stunden in einer Woche; weiterhin vergisst sie ganz offensichtlich Konferenzzeiten und Eltern- gespräche sowie Fortbil-dungsveranstaltungen, die jede Lehrkraft wahrzuneh- men versucht, aber zum Teil nicht gestattet bekommt, weil dadurch Unterricht ausfällt. Mir scheint hier eine Kritikerin aus dem Elfenbeinturm gesprochen zu haben, die nicht viel darüber weiß, was an der Basis der Lehrerschaft los ist. Bevor man den Mund so voll nimmt, sollte man sich erst einmal darüber informieren, unter welchen Umständen und zum Teil unmöglichen Bedingungen viele Lehrer ihre Arbeit verrichten müssen (hat sie zum Beispiel eine Ahnung davon, dass aus Platz- und Geldmangel guter Unterricht regelrecht verhindert wird? Was wäre zum Beispiel alles möglich, wenn den Lehrern finanzielle Mittel zur Verfügung stünden um tolle Unterrichtsideen zu verwirklichen? Dass diese Kritik gerade von einer Person kommt, die auf diesem Feld kundig sein müsste, und solche die reale Situation verfäl-schenden wie verallgemei-nernden Äußerungen los lässt, ist ein beschämendes Armutszeugnis für unsere gesamte Bildungslandschaft - denn konstruktive Kritik sähe anders aus als diese destruktiven Querschläger, die niemandem etwas nützen und lediglich Zwietracht streut. Aber das haben wir gewiss nicht nötig
Wolfgang, 16.01.2009 18:01:
Frau Brendel redet wie der Blinde von der Farbe! Die Schule in Deutschland ist aus ihrer Tradition auf Halbtagsbetrieb konzipiert. Genau dafür reichen die Räume aus. Leider haben die Politiker vergessen, mit dem Wunsch nach Ganztagsschule die Sachvoraussetzungen zu verbinden und diese zuerst zu schaffen. So ist es lobenswert, wenn die Schulen dieses Versäumnis ausgleichen und zunächst durch die Menschen die Kinder und Jugendlichen mit dem versorgen, was in die Mittagszeit gehört: ein (gesundes) Essen, fernab vom Schokoriegel aus dem Hausmeisterkiosk. Da es ferner wohlfeil ist, alle gesellschaftlichen Probleme in der Schule abzuladen, fehlt für pädagogische Konzepte oft schlicht die Zeit, also dauert es, bis die Engagierten in der x-ten Überstunde ein solches Programm erstellt haben. Fst unnötig zu erwähnen, dass gescheite Fortbildungsangebote in diesem Bereich mit der Lupe zu suchen sind. Aber vielleicht findet Frau Brendel hier künftig ein für das Voranbringen von Schule nützliches Betätigungsfeld?! Auf diejenigen einzuprügeln, die letzlich den Karren aus dem Dreck ziehen sollen, ist jedenfalls nicht zielführend!
Günter, 16.01.2009 18:09:
Das kommt davon, wenn man diejenigen Fachleute, die am besten wissen, was Schülerinnen und Schüler wirklich benötigen, nicht in die Planung miteinbezieht. Stattdessen werden völlig betriebsfremde Forderungen und erwartungen an die Schule - oder konkret: an die Lehrer gestellt. Um es Frau Brendel et alies ins Stammbuch zu schreiben: gebundener Ganztagsunterricht bis 16 oder 17 Uhr an 4,5 Tagen die Woche hat eher etwas mit Geiselhaft denn mit Bildung zu tun!