Stichwörter: Studienwahl, Motivation, Eignung.

LehrerInnen in die Schublade?

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

eine Meldung, auf die ich letzte Woche stieß, hat mich sehr nachdenklich gemacht, denn sie hat das Potential, einen Berufsstand in Frage zu stellen. In der Online – Ausgabe der Rheinischen Post aus Düsseldorf vom 19.3.08 wurde über eine Studie des Frankfurter Erziehungswissenschaftlers Udo Rauin berichtet, die  1.100 nach einer Zufallsstichprobe ausgewählte Studierende an Pädagogischen Hochschulen in Baden-Württemberg erfasst. Seit 1995 wurden sie an vier Zeitpunkten ihrer beruflichen Laufbahn nach Fachwissen, Motivation und Eignung befragt: Zu Beginn des Studiums, nach sechs Semestern, am Ende des Referendariats und nach etwa vier Jahren im Beruf.

In Gedanken an Churchill fällt einem sofort ein, keiner Statistik zu glauben, die man nicht selbst gefälscht hat, denn die Überschrift des Artikels lautet „Jeder Vierte sieht Lehrerjob als Notlösung“. Als Lehrer gerät man sofort in die typische Verteidigungshaltung, denn am Selbstwertgefühl des eigenen Berufsstandes scheint hier gekratzt zu werden. Zum Glück wurde die Studie in Baden – Württemberg durchgeführt und muss nicht repräsentativ für die anderen Bundesländer sein. Außerdem ist die Frage, ob eine Zufallsstichprobe überhaupt repräsentativ ist. Genug verteidigt: Was sind die Ergebnisse der Studie?

Die Studie unterscheidet drei Typen von Studierenden:

- „riskant Studierende" (27 Prozent), die ihre Eignung für Studium und Beruf von Beginn an sehr skeptisch einschätzen, unzufrieden mit dem Studium sind und sich nur mangels Alternativen dafür entschieden haben. Sie gaben sich selbst schlechte Noten bei beruflicher Eignung, Motivation, Engagement und Fachwissen.

- „Engagierte" (knapp 38 Prozent), die in nahezu allen Bereichen positive Werte erreichen, ihren Zeitaufwand für das Studium sehr viel höher einschätzen als die beiden anderen Gruppen, im Studium intensiv mitarbeiten und mit Kommilitonen kooperieren. Sie bewerten ihre persönliche Eignung ebenso positiv wie ihre Zufriedenheit mit dem Studium.

- „Pragmatiker" (35 Prozent), bei denen pragmatische Motive die Studien- und Berufswahl überwiegen. Ins Studium integrieren sie sich vor allem über soziale Beziehungen zu Kommilitonen und weniger über die Mitarbeit oder themenbezogene Kooperation. Dieser Typus investiert weniger Zeit ins Studium als der engagierte und ist nur mäßig zufrieden mit dem Studienverlauf, auch wenn er das Studium nicht als Notlösung ansieht. Seine persönliche Belastbarkeit und Eignung schätzt er nur durchschnittlich ein.

Etwa 25 Prozent der befragten Studienanfänger wollten eigentlich nie Lehrer werden und sahen die Studienwahl als Notlösung. Fast die Hälfte dieser Gruppe stieg aus, sobald sich eine Alternative ergab, die übrigen machten allerdings weiter. Die Autoren der Studie waren überrascht, wie groß der Anteil der für den Beruf ungeeigneten Typ-1-Studierenden war, die sich tatsächlich beruflich etablieren konnten.

So, diese Ergebnisse sind in die Welt hinaus geschickt und für Lehrer gibt es jetzt wissenschaftliche Schubladen. Ich persönlich habe  natürlich sofort versucht, mich einer Gruppe zuzuordnen. Mein Befund, ohne dass ich die Fragen der Erziehungswissenschaftler kenne, sieht wie folgt aus: Ich wäre dann der engagierte Pragmatiker, denn meine persönliche Eignung und Belastbarkeit würde ich positiv, aber den Zeitaufwand für das Studium würde ich nicht als extrem hoch einschätzen. Ich sah damals die Berufschancen und musste schon nach dem zweiten Semester das erste Schulpraktikum machen. Danach hatte ich die Gewissheit, dass dieser Beruf etwas für mich ist. Natürlich ist man manchmal etwas mehr belastet und sehnt dann die Ferien herbei, aber Symptome des „Burning – Out kann ich bei mir nicht feststellen.

Liebe Kolleginnen und Kollegen, können Sie sich einer dieser Typisierungen zuordnen? Oder finden Sie sich vielleicht an einer Schnittstelle zwischen zwei Typen? Machen Sie sich doch einmal Gedanken und

schreiben Sie mir an

lehrerforum@vnr.de!

Ich würde mich freuen.

Ihr

Gernot Herz

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