Muss man da Angst haben?

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

„der typische Amokläufer ist vorher unauffällig, er zeigt seine Wut nicht nach außen. Aber kurz vor der Tat zeigen sich Merkmale seiner Fantasien. Dass School Shooter oder Amokläufer vor ihrer Tat Warnsignale aussenden ... ist sehr typisch. Es kommt nur darauf an, diese Signale zu deuten und entsprechend zu reagieren.
Genau das ist unser Problem. Die Polizei hat in den letzten Jahren sehr viel gelernt. Die Schulen hinken dagegen weit hinterher. Was wir brauchen, ist eine Offenheit, mit Gewalt an Schulen umzugehen. Das ist nicht nur die große Gewalt wie bei Amokläufen, es sind auch kleinere Formen von Gewalt, die im Grunde auf ähnlichen Prinzipien beruhen. Lehrer müssen sich das Handwerkszeug aneignen, um damit umzugehen. In Bezug auf School Shootings gibt es Handwerkszeug aus dem Bedrohungsmanagement, mit dem man erkennen kann, ob es sich um einen bedrohlichen oder nicht bedrohlichen Jugendlichen handelt.“ So äußerte sich der Kriminologe Frank Robertz im April dieses Jahres unter www.n-tv.de/792964.html. Anlass war damals der Amoklauf in der Universität von Blacksburg.

Sicher hat man immer geglaubt, das sei lediglich ein Phänomen in den waffenstarrenden USA. Erfurt, Emsdetten und nicht zuletzt die Ereignisse in Köln von vergangener Woche, wo ein Anschlag auf ein Gymnasium noch verhindert werden konnte und bei einem 17 – Jährigen mehrere Waffen gefunden wurden, zeigen, dass auch bei uns die Gefahr nicht von der Hand zu weisen ist. Wie groß die Gefahr ist, kann jeder einzelne von uns sicher schwer abschätzen. Womöglich wird man eher Opfer eines Verkehrsunfalls, wird vom Blitz getroffen oder gewinnt im Lotto.

Dennoch kann sich sicher niemand unserer Kolleginnen und Kollegen davon frei sprechen, dass es sie beunruhigt sind und Angst in ihnen aufsteigt, wenn sie von solchen Taten hören und darüber nachdenken, was wäre, wenn so etwas an ihrer Schule passieren würde.

Ebenso haben bestimmt schon manche von Ihnen darüber nachgedacht, dass der eine oder andere Schüler, den man unterrichtet, sehr verschlossen ist, komisch ist oder flapsig gesagt, das Zeug zum Psychopathen hat. Diese Angst kommt sicher immer dann auf, wenn in den Nachrichten über solche Fälle berichtet wird und man nachdenkt, was Schüler – können es auch Schülerinnen sein? – manchmal so von sich geben. „Ich hasse die....“, „Ich könnte die umbringen...“ oder „Der wird mich kennenlernen...“. Hand aufs Herz: Wer von Ihnen hat so etwas noch nie gehört, sei es gegen Sie selbst oder gegen andere gerichtet? Ist das dann nur flapsig dahin gesagt oder ist die eine oder die andere Äußerung dann vielleicht doch ernster zu nehmen?

Was kann man eigentlich angesichts gefühlter oder sogar reeller Hilflosigkeit dagegen tun? Sollte man Schüler, die man selbst und auch Kolleginnen und Kollegen argwöhnisch beobachten, darauf ansprechen? Sollte man vielleicht sogar mit dem Schulsozialarbeiter darüber sprechen oder sich Tipps bei der Polizei holen? Ist es angebracht, wie oben der Kriminologe geäußert hat, die Kolleginnen und Kollegen in dieser Richtung zu schulen und mit Hilfe der neu gewonnenen Erkenntnisse der Polizei zu dieser Thematik in die Lage zu versetzen, solche Aktionen früher zu erkennen? Oder ist das vielleicht zu hoch gegriffen und die Wahrscheinlichkeit zu gering, Opfer solcher Taten zu werden, als dass man sich damit eingehender als mit ein paar Gedanken beschäftigen sollte? Ich jedenfalls bin mir da nicht so sicher. Eventuell vergesse ich den Gedanken daran, wenn andere Nachrichten meine Gedanken in andere Richtungen lenken und mal ein Jahr nichts in dieser Richtung passiert und ich nicht in der (Boulevard)presse „Die Top Ten der blutigsten Anschläge auf Schulen“ lesen muss. Geht es Ihnen auch so? Wird so etwas an Ihrer Schule über informelle Gespräche hinaus thematisiert?

Schreiben Sie mir an

lehrerforum@vnr.de.

Ich würde mich freuen.

Ihr


Gernot Herz

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