Nach der Grundschule geht es weiter - aber richtig?

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

Obwohl sie in der Grundschule gute Noten erzielt haben, besuchen Kinder, deren Eltern keine Akademiker sind, oft die Hauptschule. Das zeigt eine aktuelle Erhebung von Bildungsexperten des Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) http://bibliothek.wzb.eu/pdf/2009/i09-503.pdf und des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung www.diw.de. Von 900 Kindern, die von den Forschern repräsentativ beobachtet wurden, besuchte jedes sechste einen Schultyp, der unterhalb des individuellen Leistungsniveaus lag. Für manche Hauptschüler wäre sogar der Besuch eines Gymnasiums möglich gewesen. Geschlechtsspezifische Unterschiede traten dabei kaum auf.

Der Wechsel von der Grundschule in die weiterführende Schule ist ein besonders wichtiger Moment in der Bildungskarriere, erklärt WBZ-Studienleiter Johannes Uhlig im pressetext-Interview. "Diese Entscheidung kann das weitere Leben in hohem Maß prägen, da später die Chancen zu einem Schulwechsel sehr klein sind und für eine akademische Karriere oft nur mehr der zweite Bildungsweg bleibt", so der Sozialforscher. Seien Kinder aufgrund der Schulwahl im Unterricht unterfordert, könnten dabei Bildungschancen vergeben werden und individuelle Talente verkümmern. "Für die Gesellschaft, die immer zu einer Wissensgesellschaft wird, ist das fatal."



Warum trotz guter Noten in der vierten Schulstufe oft auf einen den Fähigkeiten entsprechenden Schultyp verzichtet wird, will Uhlig in weiteren Forschungen feststellen. "Einerseits lässt sich beobachten, dass Eltern mit akademischer Bildung ihre Kinder stets ins Gymnasium gehen lassen, falls diese nicht durch besonders auffälliges Verhalten wie etwa besonders schlechte Noten zeigen." Bisherige Theorien gehen davon aus, dass sich Nicht-Akademiker bei der Schulwahl für ihre Kinder häufig am eigenen Umfeld orientieren und dadurch den Effekt verstärken. Zudem könnten Eltern auch vor den entstehenden Bildungskosten durch den späteren Arbeitseinstieg der Kinder zurückschrecken. "Akademiker kennen die Anforderung des Gymnasiums oder der Realschule besser und wissen, dass sie schaffbar sind, zudem schätzen sie den Nutzen der Bildung wahrscheinlich auch anders ein", so der Berliner Bildungsforscher.

Die Entscheidung für den Schultyp lastet allerdings nicht allein auf den Eltern. Wichtig ist auch das Zusammenspiel mit dem Lehrer der Grundschule, der den Schülern am Ende der Grundschule eine Bildungsempfehlung gibt. "Kollegen konnten zeigen, dass auch hier soziale Faktoren eine Rolle spielen. Geht die Empfehlung bei hervorragenden Noten zwar immer in Richtung Gymnasium, raten die Lehrer bei immerhin guten Noten bei Akademikerkindern weit eher dazu als bei Arbeiterfamilien, trotz gleicher Leistung. Die Einschätzung, welche familiäre Unterstützung das Kind für seine weitere Bildung erhält, spielt dabei offensichtlich eine Rolle", erklärt Uhlig.

Da stellt sich natürlich die Frage, wie man sicherstellen kann, ob das jeweilige Kind wirklich in die richtige Schule geht. Eine Variante ist die Empfehlung der Grundschule, die aber in den meisten Bundesländern nicht wirklich bindend ist. Haben alleine die Eltern die Entscheidungsgewalt, bietet das auch keine Gewähr für eine richtige Entscheidung. Sicher kann man daraus schließen, Kinder möglichst lange zusammen lernen zu lassen, wogegen es aber auch eine Reihe von triftigen Argumenten gibt. Ob ein grundsätzlich durchlässiges Schulsystem dann den Königsweg darstellt, ist auch fraglich, denn dann spielen die anderen Falktoren wie Lehrer und Eltern nach wie vor eine starke Rolle. Das Ei des Kolumbus ist hier nicht gefunden und scheint auch niemals gefunden zu werden, denn bei Beurteilung und Einschätzung von Menschen im Allgemeinen und Grundschülern im Besonderen handelt es sich nicht um eine exakte Wissenschaft. Es sind Menschen am Werk, die durch Gefühle, Umfeld und Traditionen geprägt handeln. Daher wird es zwangsläufig immer zu Fehleinschätzungen kommen. Allerdings sollte daran gearbeitet werden, dass die Kinder genauer und kontinuierlicher beobachtet werden und so den Nutzen eines durchlässigen Schulsystems zu spüren bekommen.

Ihr

 

Gernot Herz

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Mirjam, 04.09.2009 14:08:
Hallo, die Praxis, dass in BY Lehrkräfte des 4. Grundschuljahrgangs die Empfehlung schreiben, halte ich als Kollegin und auch als Mutter für extrem fragwürdig. Viele junge Lehrkräfte, die im ersten Jahr nach ihrem 2.Staatsexamen sind, unterrichten in den 4. Klassen und schreiben auftragsgemäß diese Empfehlungen. Wie können sie eigentlich wirklich verantwortungsvoll Empfehlungen aussprechen, wenn sie weder private noch berufliche Erfahrungen haben? In BY halten sich viele weiterführende Schulen an diese Empfehlungen und laden zum Probeunterricht ein oder nicht. Das ist extrem richtungsweisend für die Schüler. Elternwille zählt dann immer nur nachrangig. Wer sich aufregt oder dagegen angehen möchte, verurteilt / stempelt sein Kind zum Kind schwieriger Eltern... Eltern, die dieses Selbstbewusstsein oder diese notwendige Argumentationsweise nicht beherrschen, geben klein bei oder scheuen den Weg der Diskussion. MfG Mirjam
Rita, 25.09.2009 09:18:
Guten Morgen, ich schreibe jetzt als Mutter aus Baden-Württemberg. Auch bei uns entscheiden die LehrerInnen alleine über den Schultyp nach der 4. Grundschulklasse. Und das ist ein schwieriges Unterfangen. Ein Beispiel: der Klassenlehrer der 4. Klasse wird mitten im Schuljahr krank und scheidet aus. Eine Junglehrerin, die keine Zeit hat, sich mit den einzelnen Kindern ernsthaft auseinanderzusetzen, entscheidet jetzt über die schulische und evtl. auch weitere Zukunft der Kinder (und in diesem Fall entschied sie rigoros). Die Mitsprache der Eltern wurde bei uns vor Ort nicht mit einkalkuliert. Es entschieden die Notendurchschnitte in Mathematik und Deutsch. Ich habe Situationen erlebt, wo es den Eltern nicht an Selbstbewusstsein mangelte. Die Noten waren entscheidend und wenn die nicht passten, wurde eine Empfehlung fürs Gymnasium verweigert. Es ist eine nicht haltbare Situation wie wir sie in unserem - ach so leistungsorientierten Baden-Württemberg - haben. MfG Rita.