Stichwörter: Privatschulen, Studie, PISA.

Neue Studie: Sind Privatschulen wirklich besser?

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

eine weitere scheinbare Bankrotterklärung für unser gegenwärtiges Schulsystem liefert eine Studie, auf die sich „Welt Online“ in einem Artikel vom 2.11.08 unter der Überschrift „Die schlauen Schüler lernen an privaten Schulen“ bezieht:

Professor Ludger Wößmann, Lehrstuhlinhaber für Bildungsökonomik an der LMU München und Bereichsleiter Humankapital und Innovation am Ifo-Institut für Wirtschaftsforschung, hat zusammen mit dem amerikanischen Erziehungswissenschaftler Martin R. West untersucht, wie Länder mit hohem Privatschulanteil bei internationalen Leistungsvergleichen abschneiden. Nach eigenen Angaben handelt es sich um die erste international vergleichende Studie, die systematisch „den kausalen Effekt von Wettbewerb“ misst. Als Basis dienten den Wissenschaftlern die Daten von 220 000 Schülern aus 29 OECD-Staaten, die an der Pisa-Studie 2003 teilgenommen hatten.

Das Ergebnis: „Privatschul-Hochburgen“ rangierten klar vorn. In Korea lag der Privatschulanteil bei 56 Prozent, in Australien bei 38 Prozent, in Irland bei 61 Prozent, in den Niederlanden bei 77 Prozent und in Belgien bei 69 Prozent. In allen diesen Ländern konnten die Schüler überdurchschnittlich gut lesen. Damit nicht genug: Mit Ausnahme von Irland sind die Mathematikkenntnisse in denselben Ländern ebenfalls überdurchschnittlich. Auch Japan (Privatschulanteil 27 Prozent) glänzt mit starken Matheleistungen, liegt im Lesen dagegen nur im Mittelfeld. Zum Vergleich: In Deutschland beträgt der Privatschulanteil acht Prozent, sowohl in Mathe als auch im Lesen zählen Deutschlands Schüler bei Pisa 2003 nur zur Mittelklasse.

Wößmann und West haben nun berechnet: Würde sich der Schüleranteil in freien Schulen um zehn Prozentpunkte erhöhen, dann würde das die Pisa-Matheleistungen um mehr als neun Prozent einer Standardabweichung verbessern. Das wäre knapp ein Drittel dessen, was Schüler in einem Schuljahr an Lernzuwachs erfahren. In Naturwissenschaften und Lesen läge der Effekt bei über fünf Prozent einer Standardabweichung. Und nicht nur gut, sondern auch billig wäre die Erhöhung des Privatschulanteils: Pro Schüler könnten fünf Prozent weniger an Bildungsausgaben bis zum 15. Lebensjahr investiert werden.

Beruhigend wirkt aber, dass angesichts der Finanzkrise klar wird, dass der Wettbewerb nicht alles regeln kann und dass die Forscher nicht überzeugend erklären können, warum Spanien mit einem hohen Anteil Privatschulen bei PISA 2003 so schlecht abschnitt und Finnland mit einem niedrigeren Anteil als Deutschland so gut. Es geht nicht darum, Privatschulen zu verdammen, sondern klar zu machen, dass sie genauso wenig ein Allheilmittel sind wie öffentliche Schulen, die angesichts einer größer werdenden Einkommensschere für große Teile der Bevölkerung unverzichtbar sind. Der Mittelweg, Privatschulen ohne Zugangsvoraussetzungen zu schaffen, mag attraktiv klingen. Aber sind angestellte Lehrer wirklich motivierter als verbeamtete? Die Angst als Triebfeder bzw. die Sicherheit als Hemmschuh?

Ihr

 

Gernot Herz

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Hartmut, 07.11.2008 12:56:
Was hat das mit dem Anstellungsverhältnis zu tun? In Sachsen werden auch die öffentlich angestellten Lehrer nicht verbeamtet und das Problem ist das Gleiche. Es hat vielmehr was mit Qualität von Unterricht zu tun, und da fehlen uns bis heute die Kriterien. Und es hat was mit Reinregieren durch Leute, die nach ihrer Wahlperiode für ihr Tun oder Nicht-Tun nicht die Verantwortung übernehmen müssen. MfG Hartmut Simmert
Hans, 09.11.2008 22:40:
Hat man in der Untersuchung auch berücksichtigt, dass auf den Privatschulen kaum je ein Schüler mit Migrantenhintergrund (und den entsprechenden Sprachdefiziten) aufgenommen wird? Ich bin nicht überzeugt, das die Bildungsabschlüsse auch dann noch so gut ausfallen würden, wenn die Privatschulen plötzlich mit unsortiertem "Humankapital" belastet (belästigt?) würden.