Nur 20 Prozent der Schüler mit besonderem Förderbedarf besuchen gemeinsamen Unterricht

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

die Bertelsmann – Stiftung fasst in einer Pressemeldung den aktuellen Stand der Inklusion in Deutschland zusammen:

Nach wie vor ist inklusive Bildung in vielen Bundesländern die Ausnahme. Nur 20 Prozent aller Kinder und Jugendlichen mit besonderem Förderbedarf besuchen einen gemeinsamen Unterricht. Bei den Grundschulen liegt Bremen vorn -- bei den weiterführenden Schulen ist Schleswig-Holstein Spitzenreiter, belegt eine Studie der Bertelsmann Stiftung.

Der Ausbau inklusiver Bildungsangebote geht in zahlreichen deutschen Bundesländern nur schleppend voran: So ging im Schuljahr 2009/2010 nur jeder fünfte Schülern mit sonderpädagogischem Förderbedarf auf eine Regelschule. Dabei wäre der gemeinsame Unterricht von Kindern mit und ohne Förderbedarf dringend notwendig, ist doch der Anteil der Kinder mit der Diagnose Förderbedarf im Vergleich zum Vorjahr leicht gestiegen. Zudem kommt über die Hälfte der Schulabgänger ohne Hauptschulabschluss aus Förderschulen.

Mit der Anerkennung der UN-Konvention in Deutschland über die Rechte von behinderten Menschen wurde ein Anspruch auf inklusive Bildung geschaffen. "Der Ausbau inklusiver Bildung geht zu langsam. Alle Bundesländer müssen diese Aufgabe jetzt schnell und konsequent angehen", mahnt Jörg Dräger, für Bildung zuständiges Vorstandsmitglied der Bertelsmann Stiftung.

Das schleppende Tempo stellt viele Schülerinnen und Schüler und ihre Eltern vor ein Problem. Inklusive Bildung endet zu häufig nach der Kita. Während in den Kindertageseinrichtungen im Bundesdurchschnitt 68 Prozent der Kinder mit Förderbedarf gemeinsam mit Gleichaltrigen eine inklusive Einrichtung besuchen, sinkt ihr Anteil in Grundschulen auf 35 Prozent. In den weiterführenden Schulen sind es bundesweit magere 17,2 Prozent.

Dabei zeigen einige Bundesländer schon heute, dass mehr Inklusion machbar ist: In der Grundschule werden in Bremen 89 Prozent der Kinder mit Förderbedarf gemeinsam unterrichtet. Auf 70 Prozent kommen immerhin Schleswig-Holstein und das Saarland. Brandenburg (54,4 Prozent), Berlin (50,4 Prozent) und Baden-Württemberg (47,6 Prozent) sind ebenfalls auf einem guten Weg. Die anderen Bundesländer weisen Werte auf, die zum Teil deutlich unter dem Bundesdurchschnitt liegen. Schlusslichter sind Hamburg und Bayern.

An den weiterführenden Schulen ist der Mangel an gemeinsamen Unterrichtsangeboten mit Abstand am größten. Spitzenreiter Schleswig-Holstein, Berlin und Brandenburg geben vielen förderbedürftigen Jugendlichen Unterricht in Regelschulen. Mecklenburg-Vorpommern, das Saarland und Thüringen weisen in der Sekundarstufe Inklusionsanteile zwischen 22 und 28 Prozent auf. Die übrigen Bundesländer liegen unter dem Bundesdurchschnitt. Den niedrigsten Inklusionsanteil bei den weiterführenden Schulen haben Nordrhein-Westfalen (10,9 Prozent), Hessen (9,8 Prozent) und Sachsen-Anhalt (9 Prozent).

Bei einem Blick auf die einzelnen Förderschwerpunkte zeigen sich weitere extreme Länderunterschiede. Im Förderschwerpunkt Lernen beispielsweise schwanken die Inklusionsanteile zwischen 2 (Sachsen) und 60 Prozent (Bremen). Durchschnittlich werden 42,6 Prozent aller Schüler diesem Förderschwerpunkt zugeordnet. Im Förderschwerpunkt Sehen werden in Schleswig-Holstein alle Kinder inklusiv unterrichtet, in Bayern nur 11,9 Prozent. "Die großen Unterschiede zwischen den Bundesländern sind kaum nachvollziehbar und können nur das Ergebnis verschiedener Verfahren und Vorgehensweisen sein"" kommentiert Dräger. "Sie zeigen aber auch, dass mehr Inklusion machbar ist, wenn sie gewünscht wird. Inklusion lässt sich aber nicht von oben verordnen. Schulen müssen dafür ausgestattet werden, Eltern und Pädagogen müssen dafür gewonnen werden. Wenn wir die Rahmenbedingungen für gemeinsamen, individuell fördernden Unterricht schaffen, profitieren nachweislich alle Kinder."

Fazit aus den Daten: Angebote und Ausbau des gemeinsamen Unterrichts müssen verbessert werden. Eine Qualitätssicherung in allen Bereichen tut not "Eine rein quantitative Betrachtung des Problems ist nicht ausreichend", mahnt Jörg Dräger. "Wenn wir kein Kind in unserem Bildungssystem zurücklassen wollen, benötigen wir dringend mehr Transparenz über die Qualität der Angebote."

Wie gemeinsames Lernen aller Kinder gelingen kann, zeigen die Preisträger des "Jakob Muth-Preis für inklusive Schule". Mit dem Preis werden Schulen ausgezeichnet, in denen behinderte und nicht behinderte Kinder vorbildlich gemeinsam lernen. Der Preis wird dieses Jahr zum dritten Mal von dem Bundesbeauftragten für die Belange behinderter Menschen, der Bertelsmann Stiftung, der Deutschen UNESCO-Kommission und der Sinn-Stiftung ausgeschrieben. Schulen und Schulverbünde können sich bundesweit noch bis zum 15. September 2011 bewerben unter http://www.jakob-muth-preis.de/.

 

Ihr

 

 

Gernot Herz

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Marion, 17.09.2011 16:13:
Leider wird hier nicht angegeben, um welche Art von Behinderung es bei diesem inklusiven Bildungsangebot geht. Natürlich kann ein Kind mit teilspastischer Lähmung in den normalen Unterricht problemlos integriert werden, auch eine Behinderung, bei der bestimmte Gliedmaßen durch Prothesen ersetzt werden, dürfte in einer "normalen" Schule kein Problem sein, da sich dies nicht auf die geistige Beweglichkeit des Kindes auswirkt. Anders sieht es bei geistiger Behinderung oder eingeschränkter geistiger Aufnahmefähigkeit aus. Wie soll z.B. eine weiterführende Schule den Spagat leisten können, die für unsere Wirtschaft dringend geforderten Akademiker mit hoher Qualifikation heranzubilden, wenn entsprechende intellektuelle Begabungsstrukturen zu Gunsten von sozialer Integration von Geistig- bzw. Lernbehinderten nicht gefördert werden können? Es ist schon schwierig, den Begabten in einer Klasse, in der schwächere Schüler, die eigentlich auf der falschen Schule sind, gerecht zu werden. Außerdem denkt niemand an die speziell zu fördernden Kinder. Sie merken sehr schnell, dass sie nicht so leistungsstark sind wie ihre Mitschüler. Außerdem fehlen zum einen entsprechend ausgebildete Lehrkräfte und zum anderen sind die Bildungspläne auf die Ansprüche unserer Leistungsgesellschaft ausgerichtet. Wie sollen die Schüler, für die das inklusive Bildungsangebot gedacht ist, das leisten können? Ich halte es für viel sinnvoller, mehr Mittel in den Ausbau von Förderschulen zu investieren, damit dort in Kleingruppen Kinder mit ähnlichen geistigen Strukturen ihrem Tempo entsprechend unterstützt und ausgebildet werden können. Das ist langfristig sicher wesentlich effektiver!