Raus aus der Ideologie - rein in den Erfolg!

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

die in Deutschland lange Zeit und von unterschiedlichen Seiten bekämpfte Idee einer Ganztagsschule verzeichnet gegenwärtig einen Auftrieb. Vor dem Hintergrund des deutschen „Sonderwegs" einer Halbtagsschule lässt sich geradezu von einem „Siegeszug" der Ganztagsschule sprechen, auch wenn keinesfalls immer Schulen entstanden sind oder eingerichtet wurden, die auf eine neue, reformpädagogisch orientierte Art, Schule und Unterricht zu gestalten, setzen. Eine wesentliche Rolle für diesen Erfolg spielt das Zusammentreffen unterschiedlicher Notwendigkeiten, die Schaffung von Bedingungen, um die Bevölkerung zu einem anderen Reproduktionsverhalten zu bewegen, d.h. die Geburtenrate zu erhöhen, eine „Modernisierung" von Familien-und Schulpolitik (vgl. Bertram 2006), neue „time policies" im Hinblick auf Kinderpflege und Erziehung durchzusetzen und gleichzeitig Bildungsbenachteiligungen auszugleichen, die angesichts „postmoderner" Anforderungen an eine hochqualifizierte und flexible, d.h. lebenslang lernende Bevölkerung mehr und mehr bedrohlich erscheinen. In dieser - gewissermaßen biopolitischen Konstellation (vgl. Coelen 2006, Reh2006), in der politisches Objekt die Bevölkerung und die Nutzung ihrer Ressourcen und deren Gegenstand das Leben ist (vgl. Foucault 1983, S. 161-173, Foucault 2004) -, gewann die Konstruktion der Ganztagsschule als Schule der Reformpädagogik im bildungspolitischen und schulpädagogischen Diskurs eine enorme Bedeutung.

Dieses Frohlocken stammt von „linker“ Seite, nämlich im Rahmen einer Veröffentlichung auf der Webseite Linksnet. Dabei kann man sich sogar bei konservativen und bürgerlichen Kreisen bedanken, dass sie es geschafft haben, der Ganztagsbetreuung den Geruch einer ideologisch belasteten Institution zu nehmen. Der große finanzielle Anstoß kam zwar noch von Seiten der rot – grünen Bundesregierung unter Bildungsministerin Bulmahn. Sie wurde damals allerdings noch von der bürgerlichen Opposition „bekämpft“. Angesichts der hohen Nachfrage auch im eher ländlichen Raum nach Möglichkeiten einer Ganztagsbetreuung machen sich mittlerweile alle Parteien deren Ausbau zu eigen. In dieser Hinsicht ist den Autoren von Linksnet zuzustimmen. Ob dahinter aber grundsätzlich reformpädagogische Ideen stecken, darf jedoch bezweifelt werden. Genau wie bei der Haltung zur Institution Ganztagsschule ist auch bei pädagogischen bzw. didaktischen Konzepten eher Pragmatismus denn eine ideologische Sichtweise gefragt. Ganztagsbetreuung vom Elementar- bis zum Sekundarbereich ist heute keine Frage der Weltanschauung mehr, sondern der Notwendigkeit - und das ist auch gut so!

Ihr

  

Gernot Herz

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