Ruck-Rede des Bundespräsidenten zur Bildungsthematik
Liebe Kolleginnen und Kollegen,
Reden der Bundespräsidenten haben immer das Ziel und glücklicherweise auch den Effekt des Wachrüttelns. Sie legen den Finger in die Wunde der deutschen Gesellschaft. Dass Bundespräsident Köhler anlässlich des 60. Jahrestages der Karlspreis-Proklamation eher auf europäischer Ebene den Spiegel vorhält, verwischt nicht die grundsätzlichen Probleme des Bildungssektors in Deutschland. So appelliert er nicht nur an die Karlspreisstiftung, sondern synergetisch auch an die deutsche Politik – und das zu Recht.
Suchen Sie Preisträger, die sich den Fragen der Jugend stellen, denn es sind die jungen Leute, die das europäische Projekt in die Zukunft tragen und die Menschheitsfragen bewältigen müssen. Und die Jugendlichen fragen uns schon heute viel: Warum sie in der Schule nur wenig über andere Länder und die gesamteuropäische Geschichte lernen; warum Bildungsabschlüsse in anderen europäischen Ländern nicht anerkannt werden; warum Austauschprogramme überwiegend Akademikern, aber kaum Handwerkern und Technikern offen stehen; warum Europa in Afrika seine Glaubwürdigkeit aufs Spiel setzt; warum so wenig am Aufbau einer öffentlichen politischen Meinung in Europa gearbeitet wird; warum es noch keine gemeinsame europäische Armee gibt und viele, viele Fragen mehr.
Europa beschäftigt sich zu stark mit Nebensächlichkeiten. Aber niemand in der Welt wartet auf Europa, vor allem nicht, wenn es um die zukünftige Verteilung von Arbeit und Einkommen geht. Hatten sich die Staats- und Regierungschefs vor zehn Jahren nicht vorgenommen, Europa zum innovativsten, wettbewerbsfähigsten und dynamischsten wissensbasierten Wirtschaftsraum zu machen?
Zentrale Zielmarken dieses Anspruchs werden offensichtlich nicht erreicht und einen wirklichen Aufbruch in der Bildungs-, Wissenschafts- und Forschungspolitik in Europa kann ich auch noch nicht erkennen.
Ich bedaure das. Vor allem wegen der Jugend Europas und ihren Zukunftschancen. Eine weitere Anmerkung: Der traurige Verlauf des Bologna-Prozesses bei uns und in anderen europäischen Ländern dürfte die Europabegeisterung der jungen Menschen auch nicht gerade gesteigert haben. Mein Eindruck ist: Das politische Europa muss aufwachen und sich auf Prioritäten besinnen. Sonst könnten uns die besten jungen Europäer davonlaufen.
Vor allem der letzte Abschnitt lässt sich nahezu nahtlos auf die deutsche Bildungspolitik übertragen. Schade, dass parteipolitische Ränkespiele in Deutschland genauso wie in Europa ein Fortkommen behindern. Dadurch kommt es in der deutschen Bildungslandschaft zu einem Zickzack – Kurs, der einer Verunsicherung von Eltern und Lehrerkollegien und einer Ineffizienz des Bildungssystems den Weg bereitet. Die gesamte Rede können Sie hier nachlesen.
Ein frohes Weihnachtsfest wünscht
Ihr
Gernot Herz
ist ein kostenloser Service vom Fachverlag für Computerwissen.
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