Sie haben die Wahl!
Liebe Kolleginnen und Kollegen,
im vorletzten Newsletter habe ich meine Verwunderung geäußert, dass angesichts fast täglicher Meldungen auf den Titelblättern deutscher Tageszeitungen zum Thema Bildung bzw. Schule dieses Thema – zumindest nach meiner Wahrnehmung – im Wahlkampf eine zweit- wenn nicht sogar drittrangige Rolle spielt. Da gerade die hessische Landtagswahl angesichts des polarisierenden Verlaufs national die wohl größte Aufmerksamkeit auf sich zieht, habe ich drei Tage vor der Wahl einmal die Grundsatzprogramme der beiden großen Parteien hinsichtlich ihrer Aussagen zum Thema Bildung durchforstet.
Interessanterweise nimmt dieses Thema in diesen Programmen einen viel größeren Raum ein, aber wer liest schon ein Wahlprogramm?
Das „Regierungsprogramm 2008 – 2013“ der CDU beschäftigt sich auf immerhin 26 von 116 Seiten mit dem Thema Bildung, Bildungschancen und der damit verbundenen Förderung der Familien. Beim letztgenannten Aspekt wird der Schwerpunkt auf den „flächendeckenden“ Ausbau der Ganztagsschulen vor allem im Bereich der SEK I – Schulen gelegt. Kernaussagen in Richtung Schule sind:
„… ein System der Schulvielfalt
- mit leistungsfähigen Bildungswegen und anerkannten Schulformen
- mit direkten Anschlussmöglichkeiten zwischen den Bildungsgängen
- für alle Schüler, ob praktisch oder theoretisch begabt
- und mit Schulwahlfreiheit, damit Eltern auf der Basis der Eignung ihrer Kinder frei zwischen Haupt- und Realschulen und Gymnasien beziehungsweise Gesamtschulen entscheiden können.“
Weitere Schlagwörter sind aus anderen Bundesländern bekannt und lauten „zentrale Schulabschlüsse, landesweiter Vergleichsarbeiten (z. B. in Mathematik), die Orientierungs- und Vergleichsarbeiten in den Grundschulen, Lehrerfortbildung, Schulinspektion und Wettbewerb um die besten pädagogischen Konzepte unter den einzelnen Schulen“. Interessant sind die bereits eingeführten „Erziehungsvereinbarungen“ zwischen Schule, Eltern und Schülern, die nun verbindlich werden sollen. Diese zielen insbesondere auf die schwierige Klientel aus den Hauptschulen, deren Perspektiven durch gesonderte, hauptschulspezifische Maßnahmen in den nächsten fünf Jahren verbessert werden sollen:
- „jedem Hauptschüler ein Ganztagsangebot machen, das in der Regel von 7.30 Uhr bis 17.00 Uhr reicht
- den Unterricht in den Kernfächern Deutsch, Mathematik, Naturwissenschaften und Technik stärken
- das Fach Arbeitslehre praxisnäher ausgestalten
- den Einsatz von Ausbildungslotsen („Schulscouts“) an Hauptschulen verstärken
- die Ausbildung der Lehrer für das Hauptschullehramt durch die Fortentwicklung einer spezifischen Hauptschulpädagogik verbessern. Hierzu soll eine Professur für Hauptschulpädagogik eingerichtet werden
- angehende Lehrer auch in Bereichen der Sozialpädagogik noch besser auf die Arbeit in den Hauptschulen vorbereiten
- die Anschlussfähigkeit für Hauptschüler in weiterführende Bildungsgänge ausbauen“.
Im Gegensatz zum rheinland – pfälzischen Ansatz scheint die CDU in Hessen die Hauptschule eher stärken und als eigenständige Schule erhalten zu wollen. Das Regierungsprogramm liest sich wie ein klares Bekenntnis zur bestehenden Dreigliedrigkeit.
Die „Frankfurter Erklärung“ der SPD dagegen liest sich leichter, ist auch wesentlich kürzer und richtet sich oppositionsgemäß gegen die Landesregierung, vor allem was die Dreigliedrigkeit angeht: „In kaum einem anderen Land hängt der Bildungserfolg so stark vom Geldbeutel der Eltern ab wie in Deutschland. Grund genug für die SPD, dieses Zukunftsthema Nr. 1 in Angriff zu nehmen. Der Bund hat vorgelegt, aber Bildung ist in erster Linie Ländersache. Doch anstelle von den PISA-Siegerländern wie Finnland zu lernen, macht Koch in Hessen eine Schulpolitik mit ideologischen Scheuklappen.“ Allerdings wird die von der CDU befürchtete „Einheitsschule“ seitens der SPD nicht per se gefordert, sondern man will „Schulen ermutigen alle Kinder bis zur 10 Klasse gemeinsam zu unterrichten“. Beim Punkt Ganztagsschule – auch hier will die SPD ausbauen – ist eine große Koalition denkbar. Beim Punkt Schulsystem zeigt sich die SPD weniger orthodox als die CDU, sodass auch hier keine allzu großen Veränderungen zu erwarten sind.
Um meine Vorgehensweise etwas transparenter zu machen, sei gesagt, dass weder aus der Reihenfolge der Nennung der Parteien noch aus dem Umfang der Besprechung der einschlägigen Programme eine Präferenz meinerseits abzuleiten ist. Die finden Sie eher in älteren Editorials. Ich habe einfach mal die Begriffe „CDU/SPD - Wahlprogramm in Hessen“ gegoogelt und erhielt bei der Regierungspartei, wohl auch dank besserer Logistik, den Treffer, den ich oben kommentierte. Bei der SPD waren interessanterweise die zuerst angezeigten Treffer Seiten, auf denen die CDU gegen die Position der SPD wettert. Das Regierungsprogramm (siehe oben) fand ich dann über die Seite der Spitzenkandidatin.
Immerhin kann man sagen, dass die zentralen Aussagen beider Parteien im Trend der seit PISA entstandenen Diskussion liegen und auch den aktuellen Ereignissen, die wahlkampftechnisch in Schlammschlachten ausarteten, Rechnung tragen.
Würden Sie durch solche schulpolitischen Aussagen in Ihrer Wahlentscheidung beeinflusst? Rechnen Sie mit einer Umgestaltung der Bildungslandschaft oder denken Sie, dass die föderale Zersplitterung munter weiter geht und das auf Kosten aller Beteiligten (Schüler, Eltern, Lehrer) oder gar zugunsten eines freien „Schulwettbewerbs“?
Ich würde mich freuen.
Ihr
Gernot Herz
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