Sonderschichten für Schüler: Leistet die Schule zu wenig?

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

fast jeder zweite Gymnasiast nimmt in der Mittelstufe (5. bis 10. Klasse) Nachhilfe, um seine Noten zu verbessern. In den Klassen 11 bis 13 sind es immer noch mehr als 20 Prozent der Schüler, die nach dem Unterricht weiterpauken. Das geht aus dem neusten Bildungsbarometer des Zentrums für empirische pädagogische Forschung (Zepf) an der Universität Koblenz-Landau hervor.

An der Spitze der Nachhilfefächer steht unangefochten - raten Sie mal - die Mathematik. Das liege nicht nur an der komplexen Materie, sagte Zepf-Leiter Professor Reinhold S. Jäger, sondern auch an den Lehrern. Bei einer Umfrage zu den didaktischen Fähigkeiten ihrer Pädagogen hagelte es von Schülerseite laut Jäger schlechte Noten. Peng! Woran liegt es? Mathematik gilt allgemein als das Fach, in dem Lehrerinnen und Lehrer standardmäßig nach dem Buch vorgehen.

Wenn das wirklich so ist, wäre der Job des Mathelehrers sicher ein lauer, denn die Korrektur von Klassenarbeiten und Hausaufgabenüberprüfungen ist sicher einfacher zu leisten als in den sprachlichen Fächern. Aber tut man hier nicht einer Vielzahl engagierter Fachkollegen Unrecht? Drangsaliert werden sie auch noch durch die Bildungsstandards. Ein Vergleich zum Sport macht es vielleicht deutlich: Die Bildungsstandards kann man als Latte sehne, die von den Schülerinnen und Schülern übersprungen werden muss. Leider sind die Fähigkeiten der Athleten nicht ausreichend, sodass sie Sondertraining erhalten müssen. Das gab es schon immer. Allerdings sind 20 Prozent sehr viel. Ist diese hohe Zahl damit zu begründen, dass die Ansprüche der Eltern oder der Schule so hoch sind? das sollte einmal untersucht werden!

Ihr

Gernot Herz

Kommentieren Sie jetzt diesen Artikel

* Pflichtfeld

*

*
*
Gustav, 05.05.2009 10:35:
Es ist bedauerlich, dass nun auch hier gängige Vorurteile einfach übernommen werden. Die Korrektur von 30 Aufsätzen ist sicher kein reines Vergnügen, aber wenn man so tut, als ob bei einer Mathematik-Arbeit einfach nur ein paar Zahlenwerte abgehakt werden müssen, dann hat man keine Ahnung von der Oberstufe. Da schreiben Schüler auch locker zehn Seiten und wollen dann auch, dass wirklich jeder Gedanke und jedes Formelzeichen korrekt bewertet wird. Da kommen pro Schüler auch schnell 30 bis 40 Minuten zusammen!
Aribert, 05.05.2009 11:17:
Die im Zusammenhang mit dem Thema "Wachsender Nachhilfebedarf" aufgeführten Argumente sind ein ebenso klarer wie unübersehbarer Beweis dafür, dass "führende" Stellen nur allzu gern "Alibi-Gründe" nennen, die jedoch von auslösenden Ursachen für diese tendenziell beklagenswerte Misere abzulenken versuchen. So lange wir es in unserer Gesellschaft zulassen, dass elementarste und fundamentalste Voaussetzungen (gute Erziehung, konstruktive Anteilnahme an der Entwicklung von Kindern und Jugendlichen) für einen konstruktiven und effektiven Schulbesuch geradezu sträflich ignoriert werden, helfen auch die gebetsmühlenartig sich wiederholenden Alibi-Argumente nicht, die letztlich "den Schwarzen Peter" nur zwischen Eltern und Lehrkräften hin- und herschieben. Es ist unübersehbar, dass ein bedenklich hoher Anteil von Schülerinnen und Schülern schon seit geraumer Zeit oftmals nicht einmal mehr elementarste Voraussetzungen für einen konstruktiven Schulbesuch erfüllen. Doch, nicht etwa den Schülerinnen und Schülern ist hier primär ein Vorwurf zu machen, sondern vielmehr solchen Eltern und Lehrkräften, die es - wider besseres Wissen - zulassen, dass Kinder schon in jungen Jahren oftmals in einem Umfeld von Ignoranz und gezielter Verdummung aufwachsen. Wie sollen Kinder und Jugendliche, die nicht selten von allerlei negativen Vorbildern umgeben sind, lernen, dass es ebenso wichtige wie unverzichtbare Voraussetzungen für einen erfolgreichen Schulbesuch gibt, wenn eben viele Erwachsene ihnen täglich vorleben, dass z. B. hirnlose Computerspiele, minderwertige und destruktive Talkshows, zügelloser Medienkonsum, zunehmende Respektlosigkeiten usw. zum ganz "normalen" Alltag gehörten? Absurd! Ausgehend von der Idee, dass heutige Kinder und Jugendliche wohl kaum objektiv dümmer sind als deren Vorfahren vor vielleicht 20 Jahren, müssen die Ursachen für einen sich geradezu inflationär ausbreitenden Nachhilfebedarf, der oftmals schon im Grundschulbereich einsetzt, wohl darin zu suchen sein, dass bedenklich viele Erwachsene es sehenden Auges zulassen, dass viele Kinder und Jugendliche nicht mehr in einer konstruktiven und konsequenten Art und Weise erzogen werden, die jedoch unübersehbar für einen erfolgreichen Schulbesuch dringend angezeigt sein sollte. Alibi-Diskussionen der Art, wie sie in diesem Zusammenhang immer wieder gern und schnell bemüht werden, helfen da ganz sicher nicht weiter. Es ist an der Zeit, dass vor allem solche Eltern und Lehrkräfte sich deutlich und entschieden zu Wort melden, die es nicht länger zulassen möchten, dass weite Teile unserer Gesellschaft immer weiter verblöden, weil kaum mehr jemand es wagt, gegen einen uns täglich umgebenden Irrsinn (z. B. schwachsinnige Fernsehsendungen, destruktive Gesprächskultur, mangelnde Durchsetzungsfähigkeiten klar erkennbaren Missständen gegenüber usw.) vorzugehen. Pauschale Verunglimpfungen, wie sie in bestimmten Publikationen zu lesen sind "Stichwort: Lehrerhass", tragen sicher nicht zu einer differenzierten Betrachtungsweise bei. Ebenso wenig wie es DIE LehrerInnen gibt, lässt sich pauschal von DEN Eltern sprechen. Fakt ist, dass es sehr wohl Lehrkräfte gibt, die sich mit großem Engagement für die Belange der ihnen anvertrauten SchülerInnen einsetzen, und die über didaktisch ausgeprägte Fähigkeiten verfügen. Fakt ist, dass es sehr wohl Eltern gibt, die sich vorbildlich um eine gute und konstruktive Erziehung ihrer Kinder kümmern. Fakt ist aber leider auch, dass es Lehrkräfte gibt, denen es erkennbar an fachlich-pädagogischen Kompetenzen mangelt, und die es sich nicht selten in einem "verkrusteten Schulsystem" bequem gemacht haben; sehr zum Leidwesen der ihnen anvertrauten Kinder. Fakt ist leider auch, dass es unübersehbar häufiger Eltern gibt, die mit der Erziehung ihrer Kinder deutlich überfordert sind, und die zuweilen vorschnell und in einer polemisierenden Art und Weise die Schuld für das Schulversagen ihrer Kinder bei den Lehrkräften suchen. Kurz: ganz gleich, ob aus der Perspektive der Eltern oder aus der Perspektive der Lehrkräfte argumentiert wird, so empfiehlt sich auf jeden Fall eine differenzierte Betrachtungsweise, die nicht vorschnell billige Vorurteile der Art bedient wie z. B.: "alle Eltern sind erziehungsunfähig", "alle Lehrkräfte sind pädagogisch unfähig" usw. Im Interesse unserer Kinder und Jugendlichen sowie nicht zuletzt im Interesse unserer gesamten Gesellschaft ist eine ebenso offene wie schonunsglose Bestandsaufnahme vonnöten, denn es ist unübersehbar, dass - nicht nur im Bildungssektor - fundamentale Bausteine eines gesellschaftlich konstruktiven Zusammenlebens in eine grobe Schieflage geraten sind, so dass hier dringend und zeitnah deutliche Korrekturen durchgeführt werden sollten. Interessierte LeserInnen seien auf den Buchtitel „Bildungsnotstand und Erziehungsnotstand in Deutschland“ verwiesen, der dieses gesellschaftsrelevante Thema differenziert thematisiert. Infos unter: www.lehrer-und-eltern.com DV-Kfm. & EDV-Dozent & Psychologischer Berater (SGD-Dipl.) & Autor A. Böhme
Ulfried, 05.05.2009 20:31:
Ob die Korrektur der Mathe-Arbeiten wirklich einfacher ist als die sprachlicher Arbeiten, sei einmal dahingestellt. (Ich bin Sprachler, meine Frau Mathematikerin. Meinen Erfahrungen entspricht diese Einschätzung nicht!) - Als ich in den Nachrichten diese Meldung (s.o.)hörte, war ich wirklich erbost. Natürlich sind es wieder die Lehrer, die keine Ahnung haben, wenn Schüler aber deren pädagogische Kompetenzen beurteilen, dann wird das in den Nachrichten verbreitet. Am selben Tag auf demselben Sender (WDR 5) dann ein Vater, der es als "Anwendung von Gewalt" bezeichnete, wenn Kinder ihr Handy in der Schule nicht benutzen dürfen. Also auf den Punkt gebracht: Wer erziehen will, ist hat etwas von einem Gewalttäter, wer von Kindern die Einsicht verlangt, dass Erfolg manchmal auch Arbeit voraussetzt, pädagogischer Versager. - Ich verstehe die (Schul-)Welt wohl wirklich nicht mehr.
Susanne, 05.05.2009 22:30:
Liebe Leser, das Problem ist nicht die Mathematik, sondern wie in einem anderen Zusammenhang erwähnten Pädagogen. Meine Tochter besucht die 2. Klasse einer staatl. Grundschule. Es ist das blanke Entsetzen was dort in diesem Fach passiert. Die Schüler werden systematisch zu Mathematikversagern "gemacht". Es gibt keine Struktur, es gibt keine log. Erarbeitung, es gibt keine Vorbereitung, es gibt keine vernüftige Nacharbeitung und es gibt keinen vernüftigen Text. Kurz: Zettelwirtschaft, kein Heft. Effekt: -da ich selbst Mathematik studiert habe, weiß ich was das für Konsequenzen hat. Fazit: ich muss selbst meiner Tochter Unterricht geben, dass sie in Zukunft nicht in diesem Fach versagt. Zudem erlent sie bei mir die Sprache der Mathematik und ordentl. Mengenlehre. Hoffnung: Dass sie später Mathematikbücher lesen kann und ihr kleines Tafelwerk anzuwenden. Wir dürfen uns diesen Unsinn nicht gefallen lassen. LG Susanne
Holger, 05.05.2009 22:32:
Ich würde sogar sagen, es ist traurig, wenn platte Vorurteile als Erklärungen herangezogen werden (noch dazu von einem, der uns als "Kollegen" begrüßt). Es gibt scheinbar immer noch Leute, die glauben, ein Rechner könnte die Korrektur einer Mathe-Arbeit genausogut übernehmen, weil es ja eh nur richtig oder falsch gibt (… wie in vielen Fremdsprachen-Grammatik-Übungen…). Zum anderen möchte ich die (provokante?) Frage stellen: Wenn ich ein gutes, anschauliches Buch für den Unterricht zur Verfügung habe, warum gilt es dann didaktisch schlecht, nach diesem vorzugehen. Erleichtere ich dadurch nicht sogar den Schülern, den erarbeiteten Stoff zuhause mit Hilfe eben dieses Buches nachzuarbeiten? Oder können wir einfach von diesem selbstständig wiederholenden Ideal-Schüler nicht mehr ausgehen (siehe Kommentar von Aribert?)
Claudia, 06.05.2009 17:14:
Tja, die liebe Mathematik! Aus meiner eigenen Schulzeit und auch aus der meines Mannes weiß ich nur zu gut um die Mängel in diesem Fach. Unserer beider Erfahrung nach - und auch der unserer Söhne - ist es besonders in Mathematik auffällig, dass die Kollegen nur selten genügend Einfühlungsvermögen in die Schwierigkeiten der Schüler beim Verständnis für mathematischen Zusammenhänge mitbringen. Die Lehrer haben im Normalfall Mathe deshalb studiert, weil sie alles so herrlich leicht verständlich fanden ( u. finden), also die sog. Mathefreaks mit Einsern auf dem Zeugnis. Also verstehen sie auch nicht, dass es Schüler gibt - u. das nicht gerade wenige - , die viele Zusamenhänge eben nicht so einfach verstehn. Wenn Schüler Verständnisfragen stellen, scheint ein Lieblingsausspruch vieler Mathelehrer (damals wie heute!) zu sein: "Das ist doch ganz klar zu sehen." oder "Wie man leicht sieht." Nur wird mit diesem Spruch keine Formel leichter verständlich! Mir dünkt, dass eher die Lehrer gute Mathelehrer sind, die sich der Denkschwierigkeiten der Schüler auch bewusst sind, weil sie selber die schweren Wege gehen mussten, um ans Ziel zu kommen. Ein anderer wichtiger Punkt scheint mir zu sein, dass sich die Stoffpläne besonders in Mathe nicht an den Erkenntnissen der Lern- bzw. Entwicklungspsychologie orientieren. Dadurch werden zu früh zu hohe Abstraktionsebenen angegangen und die Schüler gnadenlos überfordert. Solange die Erkenntnisse der o. a. Wissenschaften nicht nutzbar gemacht werden für den Unterricht - einschließlich einer begleitenden Anwendung der Edu-Kinesthetik und Kinesiologie, werden die Nachhilfe-Schulen/ Lehrer o. fähige Eltern mit Zeit nicht arbeitslos werden. Erfolgreicher Unterricht steht auch immer im Zusammenhang mit der entsprechenden Vorbereitung, egal für welches Fach!
Rüdiger, 18.05.2009 12:40:
Bin Naturwissenschaftler und begeisterter Anwender der Mathematik zur Lösung div. Probleme. Aber ich kann diese Begeisterung nicht auf meine Tochter (17) übertragen. In der Grundschule hatte sie auch gerne Mathematik gemacht, aber seit sie zum Gymnasium geht, findet sie das Fach nur noch zum K... Es gibt wohl gerade am Gymnasium viele Mathematiklehrer, aber mir persönlich ist noch kein fähiger Mathematik-Pädagoge untergekommen. Man spult den Stoff herunter, reagiert auf Verständnisfragen unwirsch, orientiert oft seinen Unterricht an der Handvoll Schüler, die offenbar mathematisch begabt sind. Der Rest wird ignoriert; seht zu, wie ihr klarkommt. Der Stoff muss durchgezogen werden; der Lehrplan verlangt dies. Kein Wunder, dass sich da Schüler schon früh innerlich von der Mathematik verabschieden, zumal ihnen die Lehrer auch noch nicht einmal begründen können, wozu man denn Exponentialfunktionen beherrschen muss oder wozu ein unbestimmtes Integral gut sein soll. Daneben scheint mir aber auch in der Schulmathematik wie in vielen anderen Schulfächern auch das Grundübel in den Lehrplänen zu stecken. Diese werden ganz offensichtlich von einigen wenigen Hansels ausgeheckt zu werden, die sie fachlich für exzellent halten (manche sind es vielleicht auch), die aber durchweg den Kontakt zu Schülern und Schule verloren haben (falls sie ihn je hatten).