Streit in Berlin: Was bringt das "Jahrgangsübergreifende Lernen"?

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

wissen Sie, was Jül ist? Dieser aktuelle Streitfall in der Berliner Bildungspolitik bedeutet „Jahrgangsübergreifendes Lernen“, was für die Grundschulen vorgesehen ist. Jahrgangsübergreifendes Lernen hat in Berliner Grundschulen bereits eine lange Tradition. Zwischen 1992 und 2008 stieg die Anzahl von Schulen mit jahrgangsgemischten Klassen von einer Modellschule auf 250 Schulen, 363 Grundschulen gibt es, die im Schuljahr 2008/09 jahrgangsübergreifendes Lernen in der Schulanfangsphase als Regelform praktizierten. Einige Grundschulen haben über 2009/10 hinaus um Aufschub gebeten, die übrigen starten nach diesen Sommerferien.

Warum setzt Berlin auf dieses Konzept? Auf dem Bildungsserver Berlin - Brandenburg findet man ein PDF - Dokument, das "10 Argumente für jahrgangsübergreifendes Lernen in der Schulanfangsphase" nennt.

Kritik wird dennoch laut, wie ein Artikel von Zeit - Online beschreibt:

  1. Die Methode sei zu kompliziert, überfordere Lehrer und Schüler, lautet die nüchterne Bilanz vieler Schulen, seitdem rund zwei Drittel von ihnen die Altersmischung in den ersten ein, zwei oder sogar drei Klassen umgesetzt haben.
  2. Das parallele Unterrichten von Erst- und Zweit-, manchmal auch Drittklässlern führe letztlich dazu, dass die Schüler in kleinen Gruppen für sich allein arbeiteten, ohne dass ihnen systematisch etwas erklärt werden könne.
  3. Manche Lehrer bemerkten offenbar nicht, wenn den Kindern große Teile des Stoffes fehlten.

Interessant ist dagegen, was eine Leserin als Kommentar auf diesen Artikel schreibt: Auch ich kann die negative Darstellungsweise nicht nachvollziehen. Mein Kind besucht seit 4 Jahren eine Schule mit jahrgangsgemischten Klassen, mit neuen Lernmethoden wie dem eigenständigen Arbeiten mit Planungsmappen, Werkstattunterricht, vielen Projekten etc. Ich konnte mir, da ich seit meiner eigenen Schulzeit mich nicht mit dem Thema Schule befasst hatte, kaum vorstellen, wie neues Lernen funktionieren mag, und war um so überraschter, wie eigenständig, motiviert und kompetent die Kinder bereits im Grundschulalter arbeiten. „Zettelwirtschaft“, Chaos? Nein, nichts dergleichen, im Gegenteil: Ich stelle bei meiner Tochter und ihren Schulfreunden ein hohes Maß an Selbstständigkeit und der Fähigkeit zum strukturierten Arbeiten fest.

Ihr

 

Gernot Herz

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heidi, 27.06.2009 08:04:
Also so falsch liegt der Schreiber nicht. Auch ich habe schon jahrgangsübergreifend unterrichtet. Es gibt Kinder, für die ist diese Unterrichtsart sehr anregend. Aber es gibt auch die anderen Kinder, die verlieren die Übersicht über ihr tun. Und - ich weiß es von vielen Kollegenklagen - manche Kollegen auch. Daher mein Vorschlag: In jeder Schule sollten beide Formen angeboten werden - und voilà das Problem ist gelöst. Warum das nicht umgesetzt wird - dafür tragen die Schulleitugen die Verantwortung. Aber es scheint ja Bewegung in diese Sache zu kommen. Schön. Es kann nur besser werden.
Malu, 27.06.2009 18:46:
Wir haben mit unserem Sohn die Erfahrung gemacht, dass er mit dieser Methode überhaupt nicht zurecht kam und ihm heute in der weiterführenden Schule (Gymnasium) grundlegende Informationen fehlen, die wir jetzt nachzuarbeiten haben. Allerdings hatten wir auch alle 4 Jahrgangsstufen in einer Klasse und damit war wohl auch die Lehrerin total überfordert. Wir würden nicht noch einmal diese Form wählen und können es auch niemanden empfehlen, da es für das Kind sehr anstrengend ist und zusätzlich die Eltern gefordert sind, damit die Kinder nicht auf der Strecke bleiben. Diese Möglichkeit haben aber nicht die Eltern, die Vollzeit arbeiten müssen. Und, Teamarbeit, selbständiges Arbeiten etc. wird auch auf den Schulen gelehrt, auf denen noch ganz herkömmlicher Frontalunterricht stattfindet. Malu