Stichwörter: Pädagogik, Didaktik, Polemik.

Über Das Märchen von der „Bildungsrepublik Deutschland“

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

Prof. Dr. Reinhard Franzke, Leiter des Instituts für Berufspädagogik und Erwachsenenbildung an der Universität Hannover prügelt auf seiner „privaten Homepage“, die als Titel „Institut für Neuzeitliche Pädagogik“ trägt, auf die „Bildungsrepublik Deutschland“ ein. So liegt das angestrebte Bildungsniveau (in Grundschulen) deutlich unter dem Niveau der Kindergärten im Entwicklungsland Kenia, das wir als Vergleichsmaßstab heranziehen wollen. In Kenia lernen die Kinder bereits im Kindergarten ab dem dritten Lebensjahr zwei Fremdsprachen (Englisch und Kiswahili) sowie Rechnen, Schreiben und Lesen, die beim Schuleingangstest vorausgesetzt und geprüft werden. Schulbücher für die ersten Klassen sind meist Bilderbücher auf Kindergartenniveau deutscher Prägung (vgl. hierzu vor allem die Sachkundebücher). Die gesamte Text- und Informationsmenge ist kaum noch zu unterbieten; Textanteil und Wortschatz sind extrem gering (meist bei weniger als 5 Prozent), Bild- und Leeranteil entsprechend hoch; Aufbau und Layout sind unübersichtlich und verwirrend; viele Aufgaben sind unverständlich; die meisten Bücher führen in eine magische Fantasiewelt, die reale Welt kommt nicht vor… Im Vergleich dazu sind die Text- und Informationsmenge sowie Informationsdichte und Textanteil im Entwicklungsland Kenia sehr viel größer, der Bildanteil dementsprechend gering. Die Bücher sind grundsätzlich logisch-systematisch aufgebaut und verhelfen zum selbstständigen Lernen, obwohl dies in Kenia kein eigenständiges Bildungsziel ist. Vorhandene Bilder und Texte beziehen sich auf die reale (Um-) Welt, und nicht auf eine unsichtbare Fantasiewelt.

Wollen Sie noch mehr davon? Schauen Sie einfach mal unter www.faith-center-hannover.de/Bildungsbericht_2010.pdf nach, denn da bekommen nicht nur, wie oben zitiert, die Grundschulen ihr Fett weg, sondern auch Schulhefter – eine Schande für die deutsche Schule oder Politik und Pädagogik, denn sie haben die Bildung in den letzten Jahren drastisch zurückgefahren.

Vielleicht noch ein Abgesang auf die Gruppenarbeit gefällig? Präparieren Sie sich einfach unter www.didaktikreport.de/Der_Unfug_mit_der_Gruppenarbeit.pdf und Sie können die nächste didaktische Konferenz sturmreif argumentieren. Und vergessen Sie nicht: In Kenia ist alles besser!

Ihr

  

Gernot Herz

Kommentieren Sie jetzt diesen Artikel

* Pflichtfeld

*

*
*
Amanda, 07.05.2010 10:14:
Zu Ihrem Artikel und dem von Prof. Franzke sind mir spontan folgende Punkte eingefallen: 1) Sehr fragwürdig ist die Quelle des Artikels, auf den Sie verweisen: Prof. Franzen. Eine Suche mit Google liefert ein Professorenprofil ohne Forschungsschwerpunkte und Veröffentlichungen. Weiter findet man ältere Artikel des Herrn, in denen er z.B. Harry-Potter-Bücher verteufelt oder gegen anerkannte Heilmethoden wie Kinesiologie wettert. 2)Herr Franzke ist ja Professor für Erwachsenenbildung. Warum verbreitet er dann so eine ketzerische Abhandlung über Grundschullehrmethoden? Der Bezug zur Erwachsenenbildung fehlt in seinem Artikel vollkommen. Auf wissenschaftliche Untersuchungen, die den Erfolg einiger neuer Methoden, die in Deutschland ganz dringend nötig sind, bestätigen, geht er nicht ein. Wissenschaftlich widerlegen kann er sie auch nicht. Er schleudert einfach nur seine Meinung in den Raum, die von änderungsresistenten Lehrern aufgegriffen wird. Schade, dass Ihr Artikel mehr destruktiven als konstruktiven Charakter hat. 3)Die wahre Ursache der Bildungsmisere in Deutschland liegt doch in der Einstellung der Lehrer zum Unterricht und kann nicht durch den Einsatz anderer Unterrichtsmethoden (egal ob es sich hierbei um mehr Bewegung, Gruppenarbeit oder wie von Prof Franzen proklamiert mehr sturem Pauken handelt) gelöst werden. Wenn Lehrer endlich erkennen, dass es ihr Job ist, den Schülern ein gewisses Wissenskontingent zu vermitteln und darüberhinaus noch zu zeigen, wie man lernt und wie (nicht was!) man denkt, wird sich einiges ändern. Momentan denken die meisten Lehrer doch, dass ihre Schüler von Jahr zu Jahr dümmer werden. Sie sehen ihren Job darin, dass sie die Kinder kontrollieren, abtesten und bewerten müssen. Unterricht ist stressig, weil die Schüler nichts lernen wollen. Es herrscht eine Schüler-gegen-Lehrer-Atmosphäre. Eine Änderung des Selbstbildes der Lehrer hin zu einem Miteinander würde die Situation für alle erleichtern. Wenn die Lehrer die Verantwortung für den Lernerfolg der Schüler endlich wieder bei sich sehen und nicht mehr einfach (und leider gesellschaftlich anerkannt) den Schülern in die Scule schieben, wird sich einiges ändern. Auch die Lehrmethoden. Es wäre sehr hilfreich, wenn sich Lehrer als Verkäufer ihres Schulstoffs sehen würden und Schüler/Eltern als Kunden. 4) Anleitung zum Selbstlernen bedeutet keineswegs, dass der Lehrer nur Aufsichtsperson ist. Die Bereitstellung des richtigen Materials und Methoden sind hier essentiell und tragen unmittelbar zum Erfolg bei. 5) Mehrfach erwähnt Prof. Franzen, dass zu viele Bilder in den Büchern und Heften der Schüler sind. Hier sollte er sich vielleicht mal mit Lernpsychologie auseinandersetzen. Dann würde er lernen, dass "unser Gehirn nur Bilder kann" und ein Bild oft mehr sagt als tausend Worte. 6) Die Situation in Kenya eignet sich nicht sehr gut zum Übertragen auf Deutschland. Dort wurde die Schulpflicht erst vor ein paar Jahren eingeführt und wird noch immer nicht flächendeckend durchgesetzt. Die Schüler und vor allem die Lehrer gehen mit einer ganz anderen Motivation an die Sache heran. FAZIT: Eine Rückkehr zu anarchischen Unterrichtsmethoden mit Druck und seitenlanger Abschreiberei stößt wahrscheinlich bei unflexiblen Lehrkräften auf viel Anerkennung, trägt aber bestimmt nicht zu einem besseren Unterricht bei.