Versetzung gefährdet? Keine Angst, Sitzenbleiben wird abgeschafft!

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

Sitzenbleiben ist teuer und macht Schüler nicht besser. Nordrhein - Westfalen will das jetzt - nicht als erstes Bundesland - ändern: 412 der rund 2.100 weiterführenden Schulen im Land beteiligen sich bereits seit einem Jahr an der Initiative „Komm mit". Sie haben sich verpflichtet, die Zahl der Sitzenbleiber schrittweise zu reduzieren - ohne dabei die Leistungsansprüche herunterzufahren. Jede teilnehmende Schule erhält eine Drittel-Lehrerstelle, um spezielle Förderkonzepte umzusetzen. Dabei entscheiden die Schulen selbst, ob sie etwa Arbeitsgemeinschaften für schwache Schüler oder eine intensivere Elternberatung anbieten.

Die nordrhein-westfälische Schulministerin Barbara Sommer (CDU) und die Lehrerorganisationen vereinbarten am Dienstag (05.05.09), dass 400 weitere Schulen ab dem kommenden Frühjahr dabei sind. Das Bemühen, die Zahl der Ehrenrunde zu reduzieren, ist offensichtlich bereits von Erfolg gekrönt. 2,7 Prozent aller 2,8 Millionen Schülerinnen und Schüler mussten im Sommer 2008 den Vermerk „nicht versetzt" im Zeugnis ertragen. Damit sank die Quote um 0,4 Prozent gegenüber dem Vorjahr und liegt so niedrig wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Mit 0,1 Prozent fällt der Rückgang an den Hauptschulen am schwächsten aus (2008: 4,7 Prozent). Dass Hauptschüler besonders häufig vom Sitzenbleiben betroffen sind, liegt nach Einschätzung von Experten allzu oft am schmalen Geldbeutel ihrer Eltern. Sie können sich keine Nachhilfe für ihr Kind leisten.

Zwar sieht mehr als die Hälfte der Lehrer im Sitzenbleiben die Chance des Schülers, wieder Anschluss zu finden. Dem allerdings widersprechen Wissenschaftler wie der Kieler Bildungsforscher Manfred Prenzel energisch. Die seit 2005 amtierende schleswig-holsteinische Bildungsministerin Ute Erdsiek-Rave (SPD), die als Lehrerin in Schweden Erfahrungen sammelte, empfiehlt einen Blick ins Ausland. Viele Staaten, die bei internationalen Bildungsvergleichen weit vor Deutschland landeten, haben Sitzenbleiben gänzlich abgeschafft. "Scheitert dort jemand, gilt das eher als Versagen der Schule als des Schülers", betont die Politikerin.

Eine stärkere persönliche Unterstützung durch die Schule hätte vielleicht auch manch einem Politiker vor Jahrzehnten geholfen, die Versetzungshürde zu überspringen. Bundesfinanzminister Peer Steinbrück (SPD) blieb das Schicksal des Scheiterns ebenso wenig erspart wie Ex-Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn (SPD), Bayerns Ex-Ministerpräsidenten Edmund Stoiber (CSU) und derjenigen, die derzeit in NRW über Bildungsfragen entscheidet: Barbara Sommer. Allerdings können die genannten Prominenten auch als positive Beispiele gesehen werden, wonach Sitzenbleiben nicht eine Karriere verhindert.

In Rheinland - Pfalz gibt es beispielsweise in den vermehrt gegründeten Integrierten Gesamtschulen (IGS) auch kein Sitzenbleiben mehr. Hier wurde es einfach abgeschafft und findet nur noch als freiwilliges Wiederholen statt.

Ihr

 

Gernot Herz

Kommentieren Sie jetzt diesen Artikel

* Pflichtfeld

*

*
*
Detlef, 12.05.2009 13:39:
Dass das Sitzenbleiben häufig erfolglos ist, liegt m.E. daran, dass es in vielen Fällen viel zu spät erfolgt. Ich kann aus eigenem Erleben sagen, dass späterer Misserfolg in der Schule häufig auf mangelnde Grundkenntnisse zurückzuführen ist. Leider empfinden Eltern häufig (und dies gilt im hohen Maße bei Jungen mit Migrationshintergrung) ein Zurücksetzen oder einen Schulwechsel als Schmach, so dass die Kinder so lange mitgeschleppt werden, bis die Noten endgültig ein "Sitzenbleiben" anzeigen. Im entsprechenden Wiederholungsjahr werden aber die viel weiter zurückliegenden Wissensdefizite nicht aufgearbeitet, so dass ein nochmaliges Scheitern vorauszusehen ist.
Eva, 12.05.2009 16:10:
Aus langer, auch eigener Erfahrung kann ich Detlef nur zustimmen. - Das Wiederholen einer Klasse abzuschaffen, ist der falsche Weg. - Es erfolgt häufig viel zu spät. - Wird das Wiederholen rechtzeitig eingesetzt, dann muss es inhaltlich die Möglichkeit enthalten, dass Lernrückstände aufgearbeitet werden können. Ich selbst war eine mittelprächtige Schülerin, nur weil ich freiwillig ein Jahr wiederholte, gelang es mir ein Abi mit 2,4 zu erreichen. Das Wiederholungsjahr nutzte ich zur Aufarbeitung meiner Lücken (dank meiner Eltern durch eine außerschulische Förderung). Die Forderung müsste also sein, Wiederholen ja, aber die Schule sollte entsprechende Möglichkeiten bereithalten, damit die Lernrückstände nachgeholt werden können. Mein Sohn wiederholte die Klasse 1 gegen den Willen der damaligen Klassenlehrerin. Er ist Legastheniker und hat einen gravierenden Sehfehler. Heute ist er in Klasse 10 und Zweitbester seines Jahrgangs. Die Einstellung vieler Erwachsener/Eltern ist einfach falsch. Frage ist auch, wann sollen die Kinder/Jugendlichen lernen, dass der Mensch nicht alles im ersten Anlauf schafft? Das werden sie dann erst in der Berufsausbildung kennen lernen?
Rolf, 12.05.2009 16:57:
Guten Tag liebe Redaktion, wollen Sie Partei-Politik betreiben oder zumindest Lobby-Arbeit?
Andrea, 19.05.2009 22:45:
Die bessere Alternative ist auf jeden Fall, bei Problemen der Kinder s o f o r t zu handeln und den Stoff nochmals zu erklären. Da es im Unterricht wegen großer Klassenstärken des sehr unterschiedlichen Leistungsniveaus der Kinder oft gar nicht möglich ist, wirklich allen Schülern gerecht zu werden, sind dringend zusätzliche Differenzierungsstunden (z.B.durch einen Förderlehrer)nötig!!!