Warum kein Studium generale für das Lehramt?

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

was an Haupt- und Realschulen unter dem Begriff „Klassenlehrerprinzip“ firmiert, wird sicher zu Recht praktiziert: Die Bindung an den Klassenlehrer wird erreicht und der bessere Überblick über die Entwicklung der einzelnen Schüler bzw. eine eingehendere Beratung der Eltern und Schüler kann so eher gewährleistet werden. Hinzu kommt aber noch ein Nebeneffekt, der bewirkt, dass Mangelfächer besser abgedeckt werden können. Normalerweise sind die Lehrpersonen im Bereich der Sekundarstufe I durch ihr Studium mit der Lehrerbefähigung bzw. –erlaubnis für zwei oder drei Fächer ausgestattet, unterrichten aber nach dem oben genannten Prinzip wesentlich mehr Fächer in der eigenen Klasse. Eine Kollegin äußerte dahingehend einmal empörend, dass sie sich als studierte Englischlehrerin abgewertet vorkäme, wenn unausgebildete Kollegen ihr Fach unterrichteten.

Doch aus der Not geboren bleibt vielen Schulleitern keine Wahl, als fachfremden Unterricht flächendeckend zu betreiben. Letztlich sollte man darüber nachdenken, ob nicht wieder der gute, alte „Zehnkämpfer“ eine Renaissance feiern sollte, was bedeutet, dass alle Fächer Bestandteil des Studiums sein sollten, sodass Mangelfächer zur Vergangenheit angehören würden. In den Grundschulen klappt das ja schließlich auch. Die alten „Zehnkämpfer“, von denen die letzten so langsam in Pension gehen, haben schließlich auch guten Unterricht gemacht.

Außerdem, warum sollte man sich in der heutigen Zeit bei der Wahl der Fächer für das Lehramtsstudium so viele Gedanken machen, welches Fach man auswählt, wenn man im Schuldienst sowieso alles unterrichten kann/darf/muss?

Ihr

Gernot Herz

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Walter, 05.11.2010 08:21:
Vorsicht mit Begriffen, lieber Herr Herz. Das "Studium generale" ist etwas völlig anderes. Ein Studium "aller Fächer" käme einem Rückschritt ins 19. Jahrhundert gleich. Auch für die Grundschule bewährt sich m. E. dieses Prinzip nicht. Es ist zu wenig, was viele GrundschullehrerInnen über die Sachen wissen, die sie Kindern vorstellen. Lehrerinnen und Lehrer brauchen eine umfassende Kenntnis in den Fächern, in die sie das Kind begleiten wollen, so dass es sie für Wert erachtet, sich darauf einzulassen. "Von Vielem ein bisschen" ist dafür wenig hilfreich. Welche Fächer Sie dann in der Praxis noch zusätzlich unterrichten können oder wollen, hat damit m. E. überhaupt nichts tun. Lehrerinnen oder Lehrer sind immer in der Lage, sich selbst so in ein Fach einzuarbeiten, dass sie sich damit vor Schüler wagen können. Das sollten sie während ihres Studiums auf jeden Fall gelernt haben. Sonst was das Studium eine Fehlinvestition ...
Heike, 05.11.2010 08:46:
In Norwegen unterrichten die Lehrer bis zur 10. Klasse fächerübergreifend und das Fachwissen der Lehrer ist teilweise erschreckend. Wie kann man Schülern etwas beibringen, wenn man selber kein ausreichendes Verständnis für das Fach übrig hat? Ich unterrichte selber in den Fächern Mathematik und Informatik. Wenn ich mir vorstelle, ich müsste meine Schüler in Physik oder Latein unterrichten - ohje, die armen Schüler... Ich stimme zu, dass an Gymnasien zu viele verschiedende Lehrer pro Klasse unterrichten, aber ein qualitativ schlechterer Unterricht verbessert nicht die Gesamtsituation.
Hartmut, 05.11.2010 10:13:
Walter hat recht: Das "Studium generale" gibt es nach wie vor und auch an unserer Uni wird es auch den Lehramtsstudenten angeboten. Im Zeitalter der Modularisierung geht allerdings kaum noch jemand von unseren zukünftigen Lehrern hin. Aber ich weiß was Sie meinen und Ihre abschließende Frage ist berechtigt. Ich kann nicht alles unterrichten, nicht mal aushilfsweise (da fallen z.B. viele Sprachfächer oder der Fachunterricht in anderen Berufen weg), aber als Maschinenbaulehrer habe ich mich in Informatik, Mathe und Physik reingefuchst, kenne die Lehrpläne und traue mir nach Absprache mit den Kollegen auch eine qualifizierte Vertretung zu. Den Mehraufwand trage ich gern, wenn das Klima stimmt.