Wieviel Glaube gehört in den Unterricht?

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

wie die Katholischen Nachrichten am 27.1. diesen Jahres berichteten, hat der Erzbischof von München und Freising, Reinhard Marx, die Lehrer an den staatlichen Grund-, Haupt- und Förderschulen ermutigt, im Unterricht Position für den christlichen Glauben zu beziehen und ihren Glauben vor den Schülern zu bekennen.

Interessant, welche Adressaten diese Rede offenbar hatte. Sollen Lehrerinnen und Lehrer an den Gymnasien nicht ein solches Bekenntnis äußern? Wo hat ein solches Bekenntnis im Unterricht überhaupt Platz? Wenn ein Religionslehrer bzw. eine Religionslehrerin in ihrem Unterricht ein solches Bekenntnis abgibt, ist sicher aufgrund der damit verbundenen kirchlichen Lehrerlaubnis nichts dagegen einzuwenden. Aber im regulären Unterricht? Sollen dann auch Positionen der Kirche zu Themen wie Abtreibung oder Verhütung vertreten werden?

Schwierig wird es dann, die Position des Papstes Benedikt zur Rehabilitierung des erzkonservativen Bischofs und Holocaust-Leugners Richard Williamson zu vertreten, denn wenn ich den Glauben im Sinnen des oben zitierten Bischofs vertrete, erwartet Marx sicher auch ein Eintreten für die Unfehlbarkeit des Führers der Katholiken.

Ein Minenfeld, das der Bischof zu betreten verlangt. Deshalb nimmt er eventuell die Gymnasien aus seinem Appell heraus.

Ihr

 

Gernot Herz

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Werner-Karl, 03.02.2009 12:26:
Ich denke nicht, dass es ein MInenfeld ist. Zwar teile ich Ihre Meinung, dass die Aufforderung ein wenig unpassend scheint, vor allem im Licht jüngster Ereignisse, wie auch die Ernennung eines Erzkonservativen zum Weihbischof von Linz (Österreich) zeigt. Dennoch verstehe ich die Aufregung nicht ganz, denn es ist für mich auch eine wichtige Aufgabe, den SchülerInnen zu vermitteln, dass man zu seiner Einstellung und Überzeugung stehen kann und soll. Es geht hier sicher nicht um direktes Zeugnisgeben, aber schon die aktive Teilnahme an Vorbereitung und Ausführung von Schulgottesdiensten ist ein starkes Bekenntnis zum christlichen Glauben. Hier ist es auch Aufgabe, die SchülerInnen entsprechend zur Teilnahme zu motivieren. Ich denke, dass die Aufforderung von Erzbischof Reinhard Marx eher in diesem Sinn zu verstehen ist. Das unterstütze ich voll und auch sehr gerne. Meinerseits ist es keineswegs ein Problem, meinen SchülerInnen gegenüber zu meinem Glauben zu stehen. Mit freundlichen Grüßen Dipl.Päd. Werner-Karl FRIEDRICH
Petra, 03.02.2009 12:34:
Hoffentlich darf ich dann auch meinen Glauben gegen alles Religiöse offen vor den Schülern kundtun. Religion in der Schule kann nicht nur Katholizismus in der Schule sein. Meine klare Position: Religion raus aus Staat und Schule!
Reinhold, 03.02.2009 13:00:
Ich sehe das nicht so eng, denn ich muss ja nicht den Glauben der Kirche oder gar des Papstes bekennen (abgesehen davon, dass ist evangelisch bin), sondern ich bekenne meinen eigenen Glauben ohne gogmatische Gängelei, und der ist an die Bibel gebunden und hat mit meinem Leben zu tun. Das geschieht dann, wenn ich von Schülern dazu aufgefordert werde, weil sich das oft spontan und auch für mich überraschend aus dem Unterricht oder einer Lebenssituation ergibt. Ich möchte authentisch sein, und die Schüler nehmen mir das auch ab. Dabei respektiere ich selbstverständlich abweichende Meinungen. So einfach ist das, und doch manchmal mit Herzklopfen verbunden, und das seit 40 Jahren... Reinhold Mohr, Aurich
Gaby, 03.02.2009 13:48:
Nun mal langsam Herr Herz! Sich zum christlichen Glauben zu bekennen,bedeutet ja nicht, dass ich alles was die Institution Kirche und mit ihr ihr Oberhaupt verbreitet oder tut, für gut und richtig halten muss.Ihr Anspielen auf die Unfehlbarkeit des Papstes ist in diesem Zusammenhang völlig irrig. Die Unfehlbarkeit bezieht sich auf lehramtliche Festlegungen und auf die Dogmen.Also, Inhalte,die die Glaubenslehre betreffen.Wenn ich mit den christlichen Glaubensinhalten,also mit dem Kern, nicht übereinstimme, dann bin ich eben auch kein Christ und kann dafür kein Bekenntnis ablegen. Ich denke, Herr Marx hat mit seiner Aufforderung:Sich zu bekennen, auch mehr die Handlungsweise im Alltag/Schulalltag gemeint.Eben,im Handeln Jesus nachzufolgen.Gerecht sein,aufmerksam sein,verantwortungsvoll handeln. Vor allem in der Begegnung mit den Schülern einen verständnisvollen,liebevollen Umgang zu pflegen.Nicht,wie es heute häufig geschieht:abwertend,zerstörend,desillusionierend. Den Schülern wird die Neugier auf das Leben genommen;sie werden in der heutigen Institution Schule amputiert an Geist und Seele.Der Mensch wird in unserem Bildungssystem darauf abgerichtet zu funktionieren!Totale Verarmung!Die Gründe für dieses miserable Verfahren an unseren Schulen sind vielfältig.Nicht immer sind die Lehrer dafür primär verantwortlich zu machen. Sie sind auch nur Räder im Getriebe.
Albert, 03.02.2009 14:17:
Ich bin Lehrer für KR und EW am Berufskolleg. Was Kollege Reinhold als Kommentar schreibt, entspricht in etwa auch meiner Meinung und Erfahrung. Jetzt zum Artikel: Wieviel Glaube gehört in den Unterricht? Die Fragen, die Sie, Herr Herz, stellen, tragen wenig zu einer fruchtbaren Diskussion und Meinungsbildung bei, sind für mein Empfinden vielmehr eine reflexartige Reaktion, die vor allem weitere Reflexe auslöst: Beim Thema 'Glaube in der Schule' fallen Ihnen ein: Positionen aus der Kath. Kirche zu "Abtreibung ... Verhütung... Holocaustleugnung ... Unfehlbarkeit des Führers ...", sicher noch erweiterbar mit "Kreuzzüge, Judenhass, Indianermord, Hexenverfolgung, sexuelle Vergehen von Priestern" u.v.a.m.. Dieser Reflex erscheint mir ebenso vordergründig, als wenn ich die Newletter des 'Verlags für die Deutsche Wirtschaft AG' abbestellen würde, weil 'die deutsche Wirtschaft' in Wirtschaftsverbrechen verwickelt ist. Sie vergessen ganz, dass die Auseinandersetzung mit Glauben in der Schule, egal in welchem Unterrichtsfach, immer im Rahmen der Meinungs- und Religionsfreiheit geschieht, was Erzbischof Marx sicher nicht in Abrede stellen will. Die Kritik der eigenen Praxis gehört für Juden und Christen im Übrigen zum Kern des Glaubens selbst. Auseinandersetzung mit Religion in der Schule ist kein 'Minenfeld', auf das eine bischöfliche Autorität mich als (Religions)Lehrer verantwortungsloserweise schickt, sondern letztlich Auftrag jeder Lehrperson, die den Zielen z.B. des nordrheinwestfälischen Schulgesetzes § 2 gerecht zu werden versucht. Ihre Fragen und Ihr Tonfall, Herr Herz, werden m.E. der Differenziertheit des Themas 'Glaube in Schule' nicht gerecht, sondern schüren nur eine Emotionalisierung, in der vor allem Reflexe - von allen Seiten - abgelassen werden, statt wirklich zu fragen: Was muss Schule, Religion, Lehrerarbeit heute wirklich leisten, z.B. im interreligiösen Dialog mit Schüler/innen aller Religionen und Konfessionen? Mit freundlichem Gruß Albert Horstmann
H.-P., 03.02.2009 14:57:
Es ist schon recht fragwürdig Religion einseitig noch stärker einzubinden. Immerhin sind wir ein Staat in dem es nicht nur den katholischen Glauben gibt. Unser Staat hat eindeutig Kirche und Staat getrennt. So soll es auch sein. Ich finde es wesentlich sinnvoller das Fach Ethik in der Schule zu lehren, in dem alle Religionen dargestellt werden. Wir haben es leider schon erfahren müssen was es heist einem Dogma zu folgen. Diese Verfahrensweise sollte man nicht in anderer Form wiederholen. Es gibt auch eine, inzwischen immer größer werdende Gruppe Nichtchristen, die dann ebenfalls ausgegrenzt werden. Religion sollte freiwillig und außerhalb des Bildungssystems stattfinden.
Horst, 03.02.2009 14:58:
sich zu seinem Glauben (so man einen hat) im Unterricht oder vor Schülern bekennen, ist eine Sache. Stellungnahmen zur Kirchenpolitik oder zu "öffentlichen Personen" aus einer Kirche ist etwas ganz Anderes! Wer glaubt, sollte dazu stehen, oder man wird unglaubwürdig vor den Schülern. (dasselbe gilt auch für den überzeugten Ungläubigen, Atheisten, oder was auch immer)
Heidelore, 03.02.2009 15:13:
Ich (protestantisch erzogen, heute eher Atheist) vertrete die Überzeugung, der Glaube an Gott und alle damit zusammen hängenden Fragen sind Privatsache und haben als solche nichts in der Schule verloren. Dies gilt m. E. für alle Religionen. Viel wichtiger finde ich, auf ethische Werte wie Aufrichtigkeit, Toleranz, Hilfsbereitschaft u. ä. stärkeres Gewicht zu legen. Die Erziehung zur Akzeptanz dieser Werte bedeutet gleichzeitig Achtung der wichtigsten Ideen des Christentums - aber auch anderer Religionen.
Wernr, 03.02.2009 16:26:
Ist es mangelnde Fähigkeit, zu differenzieren, oder einfach nur intolerante Hetze: Sich zu christlichem Glauben zu bekennen ("Konfession")und für die katholische Kirche einzutreten ist doch nicht dasselbe. Gleich wie der katholische Bischof mit dem kommunistischen Namen das gemeint hat, geschichtlich und wesentlich sind die europäischen Wurzeln (leider nicht immer die Früchte) christlich. Ein für mich wesentlicher Inhalt dieses christlichen Glaubens ist Nächstenliebe und Gnade. Darum ist es christlich, dem (Massen-)Mörder ebneso zu verzeihen wie seinem Gehilfen oder seinen Verteidigern. Damit werden die Taten doch nicht legalisiert. Dass die Juden den Holcaust nicht vergessen können, dürfen, ist unstrittig. Dass die deutsche Nachfolgegeneration sich nicht schuldig fühlt, ist andererseits auch verständlich. Nur: Wer sich auf's Hemd schreibt: "Ich bin stolz, ein Deutscher zu sein, muss auf der anderen Seite seines Hemdes auch anzeigen: "Ich schäme mich, ein Deutscher zu sein." Das Haus kann nur mit seiner Hypothek geerbt werden. Aber all das gilt so nicht für den Christen. Wir sind nicht Papst und der Papst ist nicht Deutscher. Für ihn ist die höchste Verpflichtung: Nächstenliebe und Gnade. Was nun von außen gefordert wird, ist Sache des Kaisers. Die Entscheidung des Präsidenten eines Vatikanstaates mag man rügen, die des Vertreters Gottes ist so nur konsequent. Und als Lehrer - gleich welcher Schulart - sich zum christlichen Glauben zu bekennen heißt für mich vor allem die entsprechenden Tugenden vorzuleben und sachlich der intoleranten Hetze gegen Glauben und Glaubensinstitutionen enttgegenzutreten.
Lutz, 03.02.2009 18:49:
Sehr geehrter Herr Herz, ich kenne die Äußerung des Bischof nicht, nicht ihren Kontext, noch den Anlaß. So, kontextfrei gelesen fällt mir auf, dass Sie in der "Meldung" von "ermutigt" schreiben, in Ihrem Kommentar aber von einem "Minenfeld, das der Bischof zu betreten verlangt." Und Ihr letzter Satz geht gänzlich über das mir Mitgeteilte hinaus,- bgesehen davon, dass diese Ihre Formulierung misslungen ist: ist's in Ihren Augen vielleicht deshalb, dass er Gymnasiallehrer nur ein wenig ermutigen will? oder meint er, dass, falls zufällig auch ein Gymnasiallehrer sein Hirtenwort vernimmt, er dieses nicht in erster Linie auf sich gemünzt beziehen sollte?? M.E. kann in Lehrer im Unterricht streitige Fragen behandeln, darlegen, Antworten einander gegenüberstellen und die eigene Auffassung beschreiben. Als Antwort auf "bohrende" Schülerfragen nach DER richtigen Antwort sollte einem Lehrer die Darlegung der Diskussionsfronten längs der Ringparabel möglich sein. Dem könnte sich, unter Verweis auf knappe Zeit und vielleicht auch Sachkompetenz eines Fachlehrers, ein Diskussionsangebot für den nächsten Sonnabend etwa oder auf eine AG (laufend oder in Planung oder planbar?!) anschließen. Vielleicht aber ist dem Bischof letzthin das "'Rumgeeiere à la Heinrich" einiger Glaubensgenossen oder debattierender Eltern auf den Senkel gegangen, wenn sie, unvorbereitet, die Gretchenfrage gestellt bekamen, von Schülern, was-geht-denn-DIE-das-an. Dem Mönchlein seinen schweren Gang zunicken mag leicht sein, sich nach seinem Muster zu verhalten ist, klar, schwieriger (das aber direkt anzuempfehlen ist just für einen katholischen Hirten die falsche Referenz(richtung). Danke für den Denk-/Diskussions-Anstoß. Tschüs, Lutz Schuberth .