Wind in den Segeln der Gesamtschullobby?

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

die Georg-Christoph-Lichtenberg-Schule aus Göttingen gewinnt den mit 100.000 Euro dotierten Deutschen Schulpreis 2011… Bundespräsident Christian Wulff: „In den Schulen werden die Grundlagen für die Zukunft unseres Landes gelegt. Deshalb ist es so wichtig, dass exzellente Unterrichtskonzepte wie die der Preisträgerschulen Schule machen und von hervorragenden Lehrern umgesetzt werden. Dazu müssen sich die Besten eines jeden Jahrgangs für den Lehrerberuf interessieren. Das schaffen wir nur, wenn Lehrer wieder die Anerkennung erhalten, die ihnen gebührt.“

Dr. Ingrid Hamm, Geschäftsführerin der Robert Bosch Stiftung: „Tolle Schulen gibt es überall in Deutschland. Mit dem Deutschen Schulpreis machen wir die besten Schulen sichtbar, damit sich andere an ihnen ein Beispiel nehmen können. Mit der Georg-Christoph-Lichtenberg-Schule aus Göttingen zeichnen wir in diesem Jahr eine Gesamtschule aus, die sich bereits vor 40 Jahren aufgemacht hat, ihre Vorstellungen von einer guten weiterführenden Schule für alle Kinder zu entwickeln und umzusetzen. Ich gratuliere der Georg-Christoph-Lichtenberg-Schule und den anderen Preisträgerschulen zu ihrer Auszeichnung.“

Der Hautpreisträger, die Georg-Christoph-Lichtenberg-Gesamtschule, ist eine Ganztagsschule mit hohem Leistungsanspruch, auch wenn es bis zur achten Klasse keine Noten gibt und von der fünften bis zur zehnten Klasse Haupt- und Realschüler gemeinsam mit Gymnasiasten lernen. „So einen Unterricht habe ich noch nicht erlebt«, sagt Hans Anand Pant, Direktor des Instituts zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) und Mitglied der Schulpreis-Jury. „Die Schule setzt durchgängig auf Teamstrukturen mit größtmöglicher Eigenverantwortung. Im kleinsten Team, in einer bewusst heterogen zusammengesetzten Tischgruppe, die über einen langen Zeitraum miteinander lernt, übernehmen Schülerinnen und Schüler die Verantwortung für das eigene Lernen und Handeln, aber auch für das Weiterkommen der anderen.“ Vieles, was diese Schule modellhaft macht, um das Lernen von Kindern zu fördern, kann nach Ansicht der Jury in allen Schulen Deutschlands Anwendung finden ...

(Quelle: http://schulpreis.bosch-stiftung.de/content/language1/downloads/PM_110610_DSP_Verleihung_2011.pdf )

Gesamtschulen sind aus der Bildungslandschaft nicht mehr weg zu denken, ebenso wenig wie Gymnasien oder auch Realschulen. Es kommt darauf an, welche Arbeit dort geleistet wird, welche Bereitschaft besteht, festgetretene Pfade zu verlassen und welche Hilfen bzw. Freiräume der Schulträger und die Schulaufsicht gewähren. Solche Schulen sollten Mut machen, denn es gibt genug Kolleginnen und Kollegen, die mit den Voraussetzungen, die sie an ihren Schulen vorfinden, (mit Recht) unzufrieden sind.

Ihr

 

 

Gernot Herz

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Marion, 26.07.2011 19:26:
Ich bin Realschullehrerin und habe in den letzten Jahrzehnten die Erfahrung gemacht, dass ein homogenes Lernen unterschiedlich intelligenter Kinder nicht möglich war und dies dazu geführt hat, dass die begabten sich langweilten und deshalb zum Teil verhaltensauffällig wurden. Das Bildungsniveau wurde systematisch an die schwächsten Schüler angepasst. Auf diese Weise blieben die eigentlichen Hauptschüler an den Realschulen und die Hauptschule blutete schließlich aus, d.h. sie wurde zur Restschule. Damit verlor sie an Akzeptanz. Wir konnten aber nicht feststellen, dass dadurch die Leistungen und somit die Voraussetzungen für eine spätere Berufsausbildung besser wurden. Ich lebe in Friedrichshafen, also einer Industriestadt, und wir hören von den Betrieben, dass die Qualität der Lehrlinge zunehmend absinkt (und das trotz gemeinsamen Lernens von Real- und Hauptschülern). Wir müssen uns oft fragen lassen, warum das so ist. Die Realschule wurde einmal eingeführt, um mittelbegabte Schüler ihren Fähigkeiten entsprechend fördern zu können, was mit einer Gesamtschule nur dann möglich ist, wenn verschiedene Züge eingeführt werden. Dadurch können keine Klassenverbände mehr gebildet werden, weil die Schüler je nach gegenwärtigem Leistungsstand ständig die Züge wechseln, was ich in Bezug auf das Gemeinschaftsgefühl für sehr bedenklich halte. Dann aber hätten wir auch wieder eine Diskriminierung des jeweils schwächeren Zuges. Außerdem erfahren wir von unseren guten Schülern, dass sie sich in der Realschule sehr wohl fühlen und in keine Gesamtschule gehen wollen. Die eigentlichen Hauptschüler fühlen sich trotz gesenkter Anforderungen häufig überfordert und zeigen zum Teil sogar psychosomatische Krankheitsbilder. Was wir unseren Kindern zumuten, würde im Beruf kaum ein Erwachsener verkraften. Den Artikel betreffend kann ich nur sagen, dass man einmal die Realschulen in gleicher Weise testen sollte. Mit einer vorherigen Ankündigung, dass sie im Interesse der Öffentlichkeit steht, kann jede Schule Außergewöhnliches leisten und über sich selbst hinauswachsen. Wir sind eine sogenannte musische Realschule und fördern Schüler mit entsprechender Begabung. Aber es gibt dennoch Kinder und Jugendliche, die kein Instrument lernen und nicht Theater spielen wollen, obwohl unsere Angebote dies möglich machen. Weshalb akzeptieren wir in Sport, Musik und Kunst, dass nicht alle die gleiche Begabung haben und selbst eine individuelle Betreuung keine großen Erfolge erzielen wird, aber nicht im Bereich der Schulbildung? Geben wir den Hauptschulen mit neuen Konzepten doch die Chance, sich zu beweisen. Wenn die weniger theoretisch, aber dafür praktisch begabten Schüler in der für sie geeigneten Schulart sind, dann kann man aus ihnen qualifizierte Arbeitnehmer für Industrie und Handwerk machen, wie sie dort auch gebraucht werden. Praktika und Bildungspläne für solide Grundkenntnisse sind hierfür eine wichtige Voraussetzung. Wir hatten einmal eine "Volksschule", die das alles leistete. Außerdem ist eines sicher: Wenn die Gesamtschule eingeführt wird, werden private Realschulen und die Gymnasien aus allen Nähten platzen, weil die Eltern elitär denken, sodass die Gesamtschulen die bisherigen Hauptschulen ersetzen werden. Mit freundlichem Gruß M. Oesterle