Zur Problematik bei der Verwendung kostenlosen Unterrichtsmaterials
Liebe Kolleginnen und Kollegen,
ökonomische Bildung und hier insbesondere die Forderung der Wirtschaft nach verstärkter ökonomischer Bildung sind ständig auf der Tagesordnung der Bildungsagenda. Dahinter steckt nach Auffassung des Referenten an der Akademie für Politische Bildung in Tutzing, Dr. Michael Spieker, die Wirtschaftslobby, wie er in der Online – Ausgabe der Frankfurter Rundschau argumentierte: Wirtschaftsverbände produzieren Studien, die bestätigen sollen, dass die Deutschen zu wenig ökonomisch gebildet sind. Die Verschuldung junger Leute soll mit mehr Wirtschaftsbildung bekämpft werden. Und wer die real existierende soziale Marktwirtschaft etwa aufgrund von persönlicher Ungerechtigkeitserfahrung ablehnt, der braucht nur ein bisschen mehr ökonomische Bildung, um das System wieder zu akzeptieren. Dass die Ökonomie immer mehr Lebensbereiche fremdbestimmt, gilt jetzt sogar als Grund dafür, ihr weitere Räume zu eröffnen: die Köpfe der Schüler. Die Kampagne drittmittelgeölter Institute hat schon eindrucksvolle Erfolge verbuchen können: Wo früher Gemeinschaftskunde auf dem Stundenplan stand, da findet sich heute vielerorts "Wirtschaft und Politik". Wissen wird gerne bereitgestellt: Metro, EON und die Arbeitgeberverbände der Metallindustrie versorgen Lehrer mit Unterrichtsmaterial. Allianz und Deutsche Bank wollen gleich die eigenen Angestellten in die Schulen schicken.
Allein das Internet – Angebot an Lehrmitteln bestätigt dies: Die Wirtschaftsverbände und –unternehmen drängen immer mehr in diesen Bereich und bieten neben kostenlosen Downloads oder Unterrichtsmaterialien mit geringen Schutzgebühren, auch Planspiele oder Expertenbesuche. Das ist auch ihr gutes Recht, auch wenn Dr. Spieker nicht zu Unrecht befürchtet, dass die kostenfreien Angebote die Böcke zu Gärtnern mache. Kein Unternehmen macht etwas umsonst. Marketinggrundwissen ist zudem, dass man zuerst ein Bedürfnis herstellen sollte, um später den Anbieter dafür zu präsentieren, konstatiert Spieker weiter. Das sei auch der offen ausgesprochene Plan Michael Diekmanns, des Vorstandsvorsitzenden der Allianz. Aufgrund der ökonomischen Unbildung der Kunden verliefen die Verkaufsgespräche zunehmend schwierig. Am besten, so der Allianzchef, man setzt an der Wurzel des Übels an, um hier Abhilfe zu schaffen. Ökonomische Bildung ist ein Investitionsgeschehen. Tatsächlich ist es um sie in Deutschland nicht gut bestellt. Wie sonst ist es vorstellbar, dass überall auch von der öffentlichen Hand Geschäfte eingegangen wurden, die sich nun als verheerend erweisen?
Die Wunde, in die Dr. Spieker den Finger legt, wird dann klaffen, wenn Kolleginnen und Kollegen es an der notwendigen Medienkompetenz vermissen lassen und unreflektiert solche Materialien einsetzen und entsprechende kontroverse „Gegenmaterialien“ vermissen lassen, denn auch die Gewerkschaften und Wohlfahrtsverbände bieten solche Materialien an. Dass aber die Wirtschaft aufgrund der Finanzkraft die eindeutig stärkere Bildungslobby ist, kann niemand verhehlen. Also, liebe Kolleginnen und Kollegen: „Trau, schau, wem“ beim Einsatz kostenlosen Unterrichtsmaterials!
Ihr
Gernot Herz
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